Auf dem Aktienmarkt wird zweigleisig gefahren. Die soliden Anleger kümmern sich um gute Dividendenwerte, wo sie sich gegen Kursrisiken geschützt glauben. Für Konjunkturoptimismus zahlt man nichts, ihn nimmt man gratis mit. Der Berufshandel und die spekulativ eingestellte Bankenkundschaft, auf rasche Kursgewinne bedacht, tummeln sich auf dem Feld der sogenannten Abfindungsaktien, also um Papiere jener Gesellschaften, von denen anzunehmen ist, daß sie von größeren Unternehmen übernommen werden, und zwar im Wege eines lukrativen Abfindungsangebotes an die Aktionäre.

Genährt wurde die Spekulation in der vergangenen Woche durch das von der Verwaltung lange abgestrittene Abfindungsangebot bei der Hamburger Reichhold Chemie, wo diejenigen, die der Verwaltung von vornherein keinen Glauben schenkten, das beste Geschäft machten.

Das Ungewöhnlichste, was seit Jahren auf diesem Gebiet geschah, waren die Vorgänge um die NSU-Aktie. Als die Schutzgemeinschaft der NSU-Aktionäre Rundschreiben an ihre Mitglieder verschickte, in denen sie zu einem befristeten Angebot einer amerikanischen Gesellschaft (man hielt ihren Namen geheim) Stellung nehmen sollten, die angeblich für die NSU-Aktie einen Gegenwert von 500 Prozent bietet, schnellte der NSU-Kurs rasch von 360 auf 420 Prozent. Die Käufer störten sich nicht an diesem auch für amerikanische Verhältnisse unüblichen Weg, deutsche Unternehmen aufzukaufen, sondern hatten nur den ihnen in Aussicht gestellten hohen Preis im Auge. K. W.