Verschiedene Sendungen des Ersten und Zweiten Programms zu Pfingsten

Wer zwischen 1936 und 1964, der Olympiade von Berlin und der Olympiade von Tokio, wenig Gelegenheit hatte, ins Kino zu gehen, durfte in der Pfingstwoche im Schaukelstuhl nachholen, was ihm einst auf dem Sperrsitz des Filmtheaters entging: Curt Goetz sang Napoleon-Liedchen, Gert Fröbe gefiel noch einmal als sehschwacher Mörder, Guinness mimte den Sohn einer Waschfrau, Kim Novak, ins Charakterfach purzelnd, liebte den alternden March, Erhardt, Kulenkampff und Giller spielten Three Men in a Boat. Dazu gab’s Reprisen in Hülle und Fülle; in den Theatern wurde gekurbelt, Erstes und Zweites Programm schufen aparte Kontraste: Am Pfingstmontag um 20 Uhr 10 brachte die ARD ein musikalisches Gesellschaftsspiel, Wie lernt man Liebe, aus dem Cuvilliestheater in München, während die Mainzer, am gleichen Montag abends um acht, aus dem Hebbeltheater die Komödie ... und zweitens bin ich siebzehn zur Darstellung brachten.

Da konnte selbst Saunders’ sentimentalische Rede am Dienstag nicht helfen, da machte kein Rührstück, nach Rezepten aus Stratford on Avon, die Magerkost schmackhaft, da wurde die Misere allein durch zwei Feuilletons am späten Abend gerettet. Das Pfingstfest klang aus, die schnatternden Komödianten aus Berlin und aus München hatten den Bildschirm geräumt, Hanne Wieder war in der Garderobe verschwunden, sie und mit ihr der Schatten der großen Gisela May – da ertönte Monteverdi-Musik, da rauschte das Meer am Strand von Trouville, und der Betrachter sah sich gezwungen, zum erstenmal seit der Bundestagswahl, das eine zu tun, ohne das andere lassen zu dürfen.

Und so plauderte dann also Marguerite Duras, im ARD-Programm, bei Madrigal-Klängen aus Mainz, so kontrastierte die triste Szenerie der Seine-Bucht, einsam und noch winterlich der graue Strand, mit Nebel-Bildern aus Monteverdis Mantua, berauschenden Photographien in Asche und Silber, den Meisterwerken Nadia Boulangers. Links also Burstalls Film, gedreht aus Anlaß des vierhundertsten Geburtstags von Monteverdi, rechts Elmar Hüglers melancholische Etüde über die Poesie einer traurigen Marxistin namens Marguerite Duras... und links und rechts gleich vorzüglich, voll Atmosphäre, Tristesse und graziöser Pathetik.

Links Treppen, Büsche und Kuppeln, das Wechselspiel von Säule und Fluß, dem Palast und den Weiden am Mincio; rechts ein leeres Hotel, die Morbidezza von Proust, sehr alte Häuser, sehr gemessene Gesten und dazu eine rauchige Stimme: Ich werde Kommunistin bis zum letzten Atemzug sein. Links das Finale von Poppaea und Nero und rechts die Liebe von Hiroshima, links die Meditation über das Unwirkliche eines Tenor-Chors, rechts die Meditation über das Ende der Psychologie, links die Beschreibung eines alten Mannes, der, Ritorno d’Ulisse, noch einmal von Venedig nach Mantua kommt, rechts die Melancholie von Trouville, die Schwermut jenseits der Saison: Eins legte das andere aus, rechts und links ergänzten einander, die Entsprechung hatte dialektischen Glanz, ich habe selten eine Collage von größerer Schönheit gesehen. Momos