Hermann Pies: „Kaspar Hauser – eine Dokumentation“; Verlag C. Brügel & Sohn, Ansbach, 1966; 343 Seiten, 19,80 DM.

Hermann Pies hat, angeregt durch den seinerzeit berühmten Roman von Jacob Wassermann „Caspar Hauser, oder die Trägheit des Herzens“, das Thema „Hauser“ zu einer Lebensarbeit gemacht. Von 1925 an sammelte und publizierte er historische Quellen, Augenzeugenberichte, Selbstzeugnisse. In diesen Arbeiten werden die Fälschungen entlarvt, mit denen die Legende vom angeblichen Schwindler Hauser jahrzehntelang am Leben gehalten wurde.

Sein Buch faßt das wichtigste Material zusammen, soweit es dem Zweck des Werkes dient: der Aufdeckung eines widerwärtigen Verbrechens. Der Erbgroßherzog von Baden ist demnach, ein paar Tage nach seiner Geburt, gegen einen sterbenden Säugling ausgetauscht, sechzehn Jahre in einem Verlies gehalten, als scheinbarer Idiot freigelassen, nach Wiedererweckung seiner Sinne ermordet worden. Die Initiatorin des teuflischen Plans: die Reichsgräfin von Hochberg, die um die „Machtergreifung“ ihrer Nachkommenschaft kämpfte. Einer der Beteiligten oder jedenfalls Mitwisser: der „Direktor der diplomatischen Sektion im Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten“, Johann Heinrich David von Hennenhofer.

Pies geht mit allen Hauser-Autoren und Hauser-Zeugen unnachsichtig um. Hervorragender Experte, der er zweifellos ist, weist er ihnen Fehler oder Entstellungen nach. Auch Otto Flake muß daran glauben. Er hat in seinem Buch „Kaspar Hauser, ein Tatsachenbericht“ statt „Hennenhofer“ den Namen „Hennendorfer“ notiert...

Das Buch des Hermann Pies ist eine wissenschaftliche Mosaikarbeit. Wenn man will: ein Kuriosum der Literatur. Und bemerkenswert gut geschrieben. p.chr.b.