Von Milo Dor

Am 25. Mai begeht Josip Broz Tito seinen 75. Geburtstag. Dieses Jubiläum hat der serbische Romancier Milo Dor zum Anlaß genommen, um den Politiker Tito zu würdigen. Dor lebt heute in Wien.

Einen Politiker kann man am ehesten mit einem Baumeister vergleichen, der nach einem Entwurf, einer Skizze oder einem fertigen Plan, der nicht einmal von ihm selbst stammen muß, ein Gebäude zu errichten versucht. Er hat nur keine Bausteine zur Verfügung, sondern Menschen, die man nicht so leicht hin und her schieben kann, damit sie sich wenigstens annähernd dem Plan anpassen, den der Baumeister auf dem Reißbrett vor sich hat.

Manche politischen Baumeister, die von einer fragwürdigen Idee besessen oder irr geworden sind, verfahren in der Praxis so, daß sie alle Elemente, die sich selbständig machen und aus der Reihe zu tanzen beginnen, ganz einfach eliminieren, über den Haufen werfen und das übriggebliebene menschliche Material von ihren Polieren, Aufsehern und Helfershelfern so lange bearbeiten lassen, bis es in ihr Konzept paßt. Auf diese Weise entstehen nur kalte, graue leblose Gebäude, die sich vor einem riesigen Friedhof erheben.

Auf die Menschen, die aus der Reihe tanzen und die allein einen Romanautor interessieren – seine Arbeit beginnt eigentlich dort, wo die des Politikers aufhört –, auf die Empfindlichkeit des lebendigen Materials Rücksicht zu nehmen und aus ihm trotzdem einen harmonischen Bau zustande zu bringen, ist eine große Kunst, die nur wenige politische Baumeister beherrschen. Dazu gehört der Mut, den ursprünglichen Plan immer wieder zu revidieren, bis er der Beschaffenheit des Materials entspricht.

Die ganz klugen Baumeister ziehen den mehr oder weniger formlosen Gebäuden eine bunte Gartensiedlung vor, in der sich jeder nach Herzenslust austoben kann; solche Baumeister bekommen aber meistens keine Aufträge, so daß ihre Pläne in den Archiven der Geschichte vermodern, falls sie nicht gleich nach ihrem Entstehen verbrannt werden, zusammen mit ihren Entwerfern.

Obwohl ich deshalb allein erfolgreichen Politikern gegenüber sehr mißtrauisch bin, muß ich offen zugeben, daß drei ältere Herren dieses Gewerbes mich in den letzten Jahren immer wieder angenehm überraschen, weil sie bei allem Starrsinn, der dem Alter eigen ist, den Mut zur Revision ihrer ursprünglichen Pläne aufbringen und dazu noch die Kraft, diese Revision bis zu einem gewissen Grad, das heißt soweit es die Umstände erlauben, auch durchzuführen. Die drei älteren Herren, die ich meine – jeder von ihnen würde sich sicherlich dagegen wehren, als älterer Herr bezeichnet zu werden, –, die drei Herren also sind Konrad Adenauer, Charles de Gaulle und Josip Broz Tito.