Köln

Den gebildeten Ständen ist ein Urteil anzuzeigen, welches zu unserer Freude erkennen läßt, daß es in Deutschland noch Richter gibt. Richter, die wissen, wo sie herkommen.

Sie fällten eine Entscheidung, die einem elfjährigen Sohn eines Landarbeiters „einen angemessenen Ausgleich für den Verlust der Sehkraft eines Auges“ gewährt. Der für den Verlust Verantwortliche muß ein Schmerzensgeld zahlen.

Schmerzensgeld wird für „nicht vermögensrechtliche Schäden“ gewährt, es soll dem Geschädigten „eine billige Entschädigung in Geld“ geben (Paragraph 847 Abs. 1 Bürgerliches Gesetzbuch). Was „billig“ ist, richtet sich nach Meinung der deutschen Richter unter anderem nach den persönlichen Verhältnissen des Verletzten. Lebt er in bescheidenen Verhältnissen, so fällt auch de „billige Entschädigung“ entsprechend bescheiden aus. Wer wenig Geld hat, für den ist wenig Geld viel.

Die Richter des Kölner Oberlandesgerichts meditieren demgemäß zu Recht über die Frage, was aus dem Kläger, „eines von fünf Kindern eines Landarbeiters“, wohl unter normalen Umständen geworden wäre. Das Gericht gelangt – ohne Erörterung der persönlichen Fähigkeiten des Kindes – zu einem offenbar traurigen Ergebnis.

Um den Elfjährigen nämlich „aus dem Kreis seiner gleichaltrigen Lebensgefährten in ähnlichen wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen“ hervorzuheben und ihm dadurch „einige Genugtuung“ zu verschaffen, bietet es ihm als Kulminationspunkt möglicher Lebenserwartung „die hervorgehobene Ausbildung... als selbständiger Handwerker“ an. Aber auch das freilich nur „vielleicht“.

Nicht genug des Überflusses, traut das nunmehr optimistisch gestimmte Richterkollegium dem Kläger als Ziel seines Lebens noch ein Einfamilienhaus zu, allerdings nur ein „bescheidenes“. Hierfür will es mit dem Schmerzensgeld einen Grundstock legen.