Als der Kamenzer Pastorensohn Gotthold Ephraim Lessing vor mehr als zweihundert Jahren die Fürstenschule St. Afra in Meißen besuchte, mag auf seinen Stundenplänen für die Nachmittags- und Abendstunden auch das Wort „Silentium“ gestanden haben. Aber das Schweigen, das der Plan anbefahl, war nicht der Einkehr gewidmet. Es hieß: Schweigend Schularbeiten machen. Ältere Tutoren wachten streng und unnachgiebig, daß die Schüler ihre lateinischen Verse auswendig lernten und ihre Vokabeln büffelten.

Die Internate unseres Jahrhunderts haben den Ausdruck übernommen. Auch hier gibt es festgelegte, von älteren Schülern überwachte Zeitspannen außerhalb des Unterrichts, die das am Vormittag Gebotene vertiefen und festigen sollen. Schularbeiten sind Dienst, wie der Unterricht und die Sportstunden Pflicht sind.

Nach dem letzten Krieg übernahm in Düsseldorf ein angehender Referendar, den der Krieg aus seinem Studium gerissen hatte, die Idee des gelenkten und beaufsichtigten Arbeitens nach den Schulstunden. Er fand, hier sei eine Lücke zu füllen, weil allzu viele der Jungen und Mädel in der Enge der überbelegten Wohnungen nicht Sammlung und Ruhe genug hatten, ihre Schularbeiten zu machen. So gründete er eine kleine Anstalt, die er nach dem alten Vorbild einfach „Silentium“ nannte.

Was aus der Not der Zeit geboren wurde, hat dauernden Erfolg. Neben dem ersten, nun seit rund zwanzig Jahren bestehenden Institut haben sich noch einige weitere gebildet. Auch auf ein paar andere Städte hat die Idee übergegriffen, zur Erleichterung von Eltern, die nicht die Zeit und nicht die Kenntnisse haben, sich um die Schularbeiten ihrer Kinder zu kümmern, und die froh sind, ihre Kinder in guter Hut und unter Aufsicht und Anleitung zu wissen. Diese Gewißheit lassen sie sich etwas kosten.

Die „Silentien“ haben, nach wie vor, nur am Rande die Aufgabe, Wissenslücken der Kinder zu schließen. Wer gar zu arg hinter dem Pensum seiner Klasse herhinkt, für den ist der gute alte Privatunterricht durch einen älteren Schüler oder Studenten auch heute noch das wirksamere Mittel. Die „Silentien“ sind Vermittler für solchen Einzelunterricht; viel wichtiger aber ist für sie, die Kinder an die Stufung des Pensums anzupassen, sie über die Klippen des konzentrierteren und eiligeren Unterrichts der Kurzschuljahre hinwegzubringen, ihnen die Methodik behender, intensiver und auf das Wichtige gerichteter Arbeit zu vermitteln.

Die Lehrer an diesen Instituten, die an vierzig bis sechzig Schüler haben (eine Aufsichtsperson auf je zehn oder zwanzig Kinder), sind meist ältere Studenten, die sich hier oft praktische Erfahrungen für den Schulbetrieb sammeln. Die Eltern der beaufsichtigten Kinder zahlen neunzig, hundert und auch mehr Mark im Monat, keine geringe Summe also. Hinzu kommt eventuell noch das Honorar für Einzelunterricht. Dafür haben die Kinder an drei bis dreieinhalb Nachmittagsstunden, fünfmal in der Woche, die Möglichkeit, sich unter Anleitung darum zu bemühen, daß sie am kommenden Tage nicht wegen liederlicher Hausarbeiten auffallen. Jeder Schüler erhält ein Anwesenheitsbuch, in dem nicht nur die Stunden eingetragen werden, die er bei den Hausaufgaben zugebracht hat, sondern auch individuelle Bemerkungen, sozusagen tägliche Zeugnisse, die die Eltern rechtzeitig auf Lücken und Fehler aufmerksam machen sollen.

Nur Schüler vom vierten Schuljahr an bis zur mittleren Reife werden von den „Silentien“ aufgenommen. Für Schüler der Oberstufe, so meinen die Leiter, sei alle Müh’ und Kunst umsonst, wenn sie bis dahin nicht gelernt haben, ihre Arbeitskraft und ihre Intelligenz richtig und zweckentsprechend ohne Aufsicht einzusetzen. Hier kann dann wirklich nur noch durch intensiven Einzelunterricht versucht werden, das Versagen in dem einen oder anderen Fach wettzumachen; einfache Beaufsichtigung der Hausarbeiten reicht da nicht mehr aus. C. C. K.