Von Harald Krooge

Mainz

Alfons Begon redete mit „den Herren in Mainz, denen vom Innenministerium und ihrem Chef August Wolters“ Fraktur. Denn Alfons Begon war gehalten, als Bürgermeister des Dorfes Badenborn/Eifel von seinen Bürgern großes Unheil abzuwenden. Das Ortsoberhaupt schrieb einen geharnischten Brief: „... und protestiere hiermit gegen die undemokratische Form des bisherigen Vorgehens gegen eine rechtmäßig bestehende und funktionierende Gemeinde mit großem Ansehen in der Öffentlichkeit.“

Was die Amtsperson Begon schmerzlich bewegte, hätte wohl jeden Bürgermeister auf der Welt um den Schlaf gebracht. Der Rheinlandpfälzische Landtag beabsichtigte (und beschloß das letztlich auch), die Gemeinde Badenborn aufzulösen, sie ganz einfach von der Landkarte zu streichen und in dem Nachbardorf Eßlingen „aufgehen“ zu lassen.

Man darf sagen, aus gutem Grund. Denn Badenborn zählt selbst in der kleinen Kommunalpolitik kaum. Ganze elf Einwohner zählte die Gemeinde. Dem Ortsparlament gehörten außer Vater Begon nur noch seine Frau, zwei Brüder und eine Schwester an. Fünf Ratsmitglieder sind nach der rheinland-pfälzischen Gemeindeordnung nämlich notwendig, damit ein Dorf einen eigenen Bürgermeister haben darf. Die Amtsgeschäfte wurden vom Küchentisch aus erledigt; und sah sich das Ortsoberhaupt veranlaßt, eine Gemeinderatssitzung abzuhalten, wartete es geduldig, bis nach dem Mittagessen die Familienmitglieder ein paar Minuten Zeit etwa zur „Etatberatung“ fanden.

Hausmacherwurst und Schinkenbrot servierte nach der parlamentarischen Auseinandersetzung Diplomlandwirt Peter Bommes seinen Ratsmitgliedern. Auch hier hatte man nicht allzu lange über örtlichen Problemen brüten müssen. Denn was im Dorf Staudenhof an Sorgen anfällt, ist kaum gewichtiger, als wenn das Ehepaar Meier nach dem Zahltag die Haushaltskasse abstimmt: Staudenhof zählte – bevor es jetzt ebenfalls aufgelöst wurde – acht Einwohner. Die Mini-Gemeinde an der deutsch-luxemburgischen Grenze war praktisch nicht mehr als eine Familie.

Ähnlich sah es in den im Kreis Bitburg gelegenen Gemeinden, in Kewenig, wo die Wahl von Ratsmitgliedern nicht mehr möglich war, weil es an Menschen fehlte, und in Fischbach, einer „Ansammlung“ von drei Haushalten mit insgesamt fünfzehn Einwohnern, aus. Als Gipfel alles Kuriosen aber erwies sich die Gemeinde Beifels: Sie existierte amtlich bis vor wenigen Wochen, obwohl das Dorf zwar Füchse und Ratten, aber nicht mehr ein einziges menschliches Wesen beherbergte. Den einsamen Wanderer grüßt lediglich die Ruine eines Gutshofes, der am 24. September 1962 den Flammen zum Opfer fiel. An jenem Tag brannte, wahrscheinlich nach einem Kurzschluß in der Lichtleitung, „das ganze Dorf“ nieder. Niemand bemerkte das Feuer. Die einzigen Einwohner, eine Familie, waren gerade zu einem Wochenendurlaub unterwegs.