Das gibt es: eine Schule, die keine Zeugnisse verteilt, sondern am Ende des Jahres nur eine Beurteilung, in der „Vorsagen“ nicht nur nicht streng verboten, sondern sogar allgemein üblich ist; in der während der gleichen Unterrichtsstunde das eine Kind sich mit Bruchrechnung beschäftigt, obwohl das komplizierte Hantieren mit kleinen Teilen noch gar nicht seiner Altersstufe entspricht, ein anderes aus buntem Papier Stückchen zu einem monumentalen Wandbild vereinigt, ein drittes die Eigenschaften des Dreiecks an bunten Klötzen zu ergründen sucht.

Diese merkwürdige Schule ist nicht eine abseits liegende Schule modernistischer Erzieher, sie wird im Düsseldorfer Verzeichnis schlicht als „Katholische Volksschule am Freiligrathplatz“ erwähnt – eine „ganz gewöhnliche Volksschule“ mit „ganz gewöhnlichen Volksschullehrern“, die alle ihre normalen Examina abgelegt haben und jeden Tag an einer anderen Schule den Unterricht aufnehmen könnten.

Ob sie es möchten, ist freilich eine andere Frage. Denn diese Schule wurde gegründet, als vor zehn Jahren eine Gruppe junger Lehrer aus einer anderen Volksschule auszog. Kein demonstrativer Exodus aus Protest war das, sondern ein legaler Wechsel. Es war ein neuer Schulbau errichtet worden, ein Lehrerkollegium mußte zusammengestellt werden, und die kleine Gruppe, unter der Anführung des heutigen Rektors, sah die Chance. Man beschloß, eine Schule nach dem Vorbild der italienischen Ärztin und Pädagogin Dr. Maria Montessori aufzubauen.

Die Schulbehörden sahen den Versuch nicht ungern, obwohl die Zahl der Montessori-Schulen in Deutschland noch recht klein ist. In England und Holland wundert sich niemand mehr darüber, aber bei uns gibt es kaum mehr als ein Dutzend, davon allein sieben in Berlin. Nur sehr viele Kindergärten werden nach den Prinzipien der Maria Montessori gelenkt – insofern ein Paradoxon, als nach den Ansichten der großen italienischen Reformerin der Kindergarten, oder wie sie es nannte, das „Kinderhaus“, in der Schule einer organischen Fortführung bedarf.

Die Methoden, die viele herkömmliche Begriffe von Schule und Unterricht, von Ehrgeiz und Konkurrenzstreben auf den Kopf stellen, sind nicht so neu, wie es scheinen mag. Schon vor sechzig Jahren gründete die Sozialreformerin im römischen Armenviertel San Lorenzo die erste Schule, die mit dem System des Unterrichts durch den „Unteroffizier“ radikal Schluß machte. Nicht mehr Magister Baculus mit dem Stöckchen und dem Drill des Exerziermeisters steht vor der Klasse, sondern ein älterer Kamerad der Kinder, der von Platz zu Platz geht, hier einen Rat gibt, dort korrigiert und im ganzen so unauffällig wie möglich, einfach durch sein Dasein wirkt.

Eine Klasse, in der die Bänke ausgerichtet in Reih und Glied stehen, ist hier undenkbar; nur die Vertiefung in die Arbeit hält die Kinder an ihrem Platz fest, nicht die Schuldisziplin. Deshalb sehen die Lehrer es gern, wenn ein Kind aufsteht und sich bei anderen Rat holt, wenn ein anderes spontan die Fehler des Nachbarn helfend korrigiert und eine Viertelstunde „Privatunterricht“ erteilt.

Die Liebe zum Lernen, die nie in Zwang ausarten sollte, wird dabei geweckt durch schönes Unterrichtsmaterial, das anschaulich auch die abstrakteste Zahl in die Sinneswelt der Kinder rückt. Der gesamte Unterricht soll nach dem Willen Maria Montessoris aus den eigenen Erlebnissen der Kinder erwachsen. Weil Dreijährige schon oft den Wunsch haben zu lesen und nicht nur Bilder zu betrachten, hält man es in der Montessori-Schule ebenso wie in den Montessori-Kinderhäusern für richtig, diese Kinder spielend und ihrem eigenen Rhythmus entsprechend in die Welt der Buchstaben einzuführen.