Möglichkeiten konkreter Verhandlungen

Von Kai Hermann

Berlin, im Mai

Drei Briefe mit Ostberliner Absendern liegen in Bonn auf dem Stapel der unerledigten Post. Eine Arbeitsgruppe kaut an Bleistiften. Der Umgang mit VEB-Büttenpapier ist noch ungewohnt; die Korrespondenz mit Kommunisten will erst gelernt werden. Die neuen Weisungen an die Postabteilungen der Bundesdienststellen, in Zukunft Briefe aus der DDR anzunehmen, sind noch keine neue Politik. Die Deutschlandpolitik, vielleicht sogar eine neue, beginnt erst mit den Antworten.

Sie werden dem Gespann Kiesinger–Wehner schwerer fallen und schwieriger gemacht werden als die Annahme der DDR-Botschaften. Die Schreiber stocken schon bei der ersten Zeile. Sehr geehrter Herr Vorsitzender des Ministerrats; Sehr geehrter Herr Stoph? Keine Anrede? Oder gar nur eine formlose mündliche Replik? Das ist die Frage. Und es steht zu befürchten, daß wieder einmal viel Energie sinnlos investiert wird, um die selbstgestellte formale Problematik zu lösen. Was wäre schon, wenn man die ostdeutschen Statthalter mit ihren Titeln anredete und ihnen auf dem Postwege antwortete.

Gesamtdeutsche Melancholie

Allerdings: Was den Herren der SED geantwortet werden soll, ist eine Frage, die auch eingefleischte Entspannungsbefürworter in gesamtdeutsche Melancholie versetzen kann. Die kommunistischen Schreiben sind rüde, wenn nicht unverfroren im Ton. Und in der Sache enthalten sie nichts, was zu einem Verhandlungsexperiment ermuntert. Sie machen deutlich, daß die Bonner Entkrampfungsoffensive gegen einen "Partner" gerichtet ist, der sich verkrampfter denn je gibt. Vom Ostberliner Dialog-Elan des vergangenen Frühjahrs ist nichts geblieben. Die neue Elastizität und die wachsende Selbstsicherheit Bonns haben die Kommunisten bislang nur noch tiefer in die Schlupfwinkel des Kalten Krieges getrieben.