Die Big-Lift-Strategie und die Bundesrepublik

Von Kurt Becker

Washington, im Mai

Die deutschen Sorgen, wenn nicht gar Zweifel, ob sich das amerikanische Engagement in Europa spürbar verringern könnte, werden in Washington in voller Klarheit gesehen. Freilich weigern sich hohe Diplomaten und Beamte, den Bonner Befürchtungen auch nur die geringste sachliche Berechtigung einzuräumen. Sie führen die zunehmend melancholisch gestimmte deutsche Bewertung der amerikanischen Bündnis- und Europapolitik auf eine fundamentale Fehleinschätzung der tatsächlichen Interessenlage Washingtons zurück, in der das volle Engagement der USA in Europa seinen festen und unverwechselbaren Platz einnimmt.

Die amerikanische Tendenz, die Verteidigung Europas mehr und mehr durch nukleare und konventionelle Streitkräfte zu sichern, die außerhalb des Kontinents stationiert sind, wird nicht als Abbau des politischen Engagements gesehen, sondern als eine Anpassung an die erhöhte Mobilität der Streitkräfte.

Mancher amerikanische Gesprächspartner teilt zwar die Ansicht, daß das eher zufällige als gewollte zeitliche Zusammentreffen von Atomsperrvertrag und Truppenabzug ebenso zu Mißverständnissen beigetragen hat wie die unzulängliche Konsultation der Verbündeten. Doch vermag dies nicht, die deutsche Beunruhigung und die Neigung, die amerikanische Entscheidung zu dramatisieren, plausibel zu machen. Man ist irritiert, weil die schleichende Vertrauenskrise wohl wahrnehmbar ist, ohne daß man aber wüßte, wie man sie überwinden kann. Das Urteil ist unsicher: Verbirgt sich dahinter Kiesingers Wille zu selbstbewußterer und weniger folgsamer Haltung – was respektiert wird? Oder führt der deutsche Zweifel an Amerikas Politik zu größerer Distanz?

Doch die Phantasie bewegt sich nicht mehr in früheren Bahnen, als man noch befürchtete, eine Neubelebung des deutsch-französischen Verhältnisses müßte sich gegen Amerika richten. Seit Frankreich sich in Washington besorgt nach der tieferen Bedeutung des amerikanischen Truppenabzugs aus Europa erkundigte, sieht man den General gelassener. Und dementsprechend wird die Wiederannäherung der Bundesrepublik an Frankreich im Gegensatz zu früheren Jahren und auch entgegen manchen Vermutungen in Bonn ohne jede Nervosität wahrgenommen.