Irrungen um Weimar und Versailles

Von Wolfgang Schwarz

dtv-Atlas zur Weltgeschichte, Karten und chronologischer Abriß, Band 2, von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. Deutscher Taschenbuch Verlag München. 312 Seiten, 6,80 DM

Der geglückte erste Band dieser originellen Kombination aus „Ploetz“ und Geschichtsatlas liegt bereits im 175. Tausend vor. Auch der zweite bringt, als „Orientierungshilfen mit eigenem Aussagewert“, 105 Karten und Graphiken, 170 Seiten Chroniktext. Begriffe, Daten, Namen sind in ihm nicht knorpel- und knochentrocken aneinandergereiht, sondern man hielt in den schmalen Spalten darauf, Historie zu erzählen. Die Stärke der Autoren Hermann Kinder und Werner Hilgemann – Gesamtredaktion Erhard Klöß – liegt in ihrer stilistischen Beweglichkeit, die gelegentlich raffende Übersichtstabellen nicht scheut.

Der „Undurchdringliche“

Seinem auf die Große Revolution verweisenden Untertitel zum Trotz beginnt der Band zu Recht mit „USA I“ und „USA II“: 1763/1783/1817. Ungemein anziehend ist das Bestreben, jede Zeit mit ihren Schlagworten anzuleuchten. Man weiß sogar, was New Deal (187) eigentlich bedeutet. Das „Aufgehen Preußens in Deutschland“ und sein Wunsch, dort „moralische Eroberungen zu machen“, Termini von damals, hätten nicht fehlen dürfen. Manchmal setzt man zu viel an aphoristischer Genußfähigkeit voraus: Wer erkennt schon (71) bei der Begegnung Bismarcks in Biarritz in dem „Undurchdringlichen“ gleich Napoleon III. und in der Niederlage (wessen eigentlich?) von Sadowa Königgrätz?

Mit der gewiß schwierigen deutschen liberalnationalen Staatsrechts- und Verfassungsgeschichte steht das Autorenteam leider nicht auf vertrautem Fuße. Das beginnt schon 1848 mit dem Klischee von der gescheiterten bürgerlichen Revolution. Dabei kapitulierte der bloß militärisch siegreiche preußische Absolutismus vor dem Zeitgeist: nach den anderen wurde endlich auch die Hohenzollernmonarchie Verfassungsstaat. Jenes perhorreszierte „Blatt Papier“, das den Herzenskontakt zwischen ihm und seinen Untertanen nicht stören sollte, beschwor nun Friedrich Wilhelm IV. samt Ministern; selbst die (Frankfurter) Grundrechte standen in der gewiß oktroyierten, nicht vereinbarten, aber eben doch in königlicher Selbstüberwindung bewilligten Urkunde von 1850. Der liberale Konstitutionalismus ist nicht begriffen, wie schon (51) die Formulierung „parlamentar. System“ im Falle Belgien zeigt: es gab eben eine juristische wegen Gesetzesverletzung, aber keine parlamentarischpolitische Ministerverantwortlichkeit.