Eine Inventur der Veränderungen und Schwierigkeiten im deutschen Verlagswesen

Von Dieter E. Zimmer

Gibt es sie, die Krise im deutschen Verlagswesen? Und woher kommt sie? Worauf läuft sie hinaus?

In der Branche selbst ist schon seit längerer Zeit von ihr die Rede; aber diese Branche hat eine notorische Vorliebe für Panikgerüchte, auch die unsinnigsten, und gleichzeitig einen ihr selber nur schädlichen Hang, auch noch die unverfänglichsten Tatbestände in geheimnisschwangeres Dunkel zu hüllen und jede Erkundigung als einen Eingriff in ihre Intimsphäre zu verübeln. Zwar gibt es Ausnahmen; aber auch Verlage, die durchaus bereit wären, wahrheitsgemäße Angaben etwa über Auflagenhöhen oder Umsatzentwicklungen oder das Verhältnis von Werbeaufwand und Verkaufserfolg zu machen, halten sich lieber zurück, solange sie sicher sein können, daß andere, zu denen sie in Vergleich gesetzt würden, die ihren frisieren oder verschweigen. Gerade auf diesem Boden aber – einer Mitteilsamkeit, verbunden mit mehr Ahnen als Wissen – gedeihen alle Arten von Katastrophenmutmaßungen. Zu den Standardgerüchten etwa gehört seit langem, daß kein Tag vergehe, an dem einem der großen Verlage nicht ein kleinerer zum Kauf angeboten werde; indessen erweist jede nähere Nachfrage, daß es maßlos übertrieben ist.

Eine Reihe von Nachrichten hat nun allerdings in den letzten Monaten auch eine weitere Öffentlichkeit alarmiert:

  • Anfang Januar wurde bekannt, daß der Walter-Verlag in Olten dem Leiter seiner Literarischen Abteilung, Otto F. Walter, gekündigt hat.
  • Zur gleichen Zeit kaufte ein bisher unbekannter Kleinverleger zu dem einige Monate vorher erworbenen Herbig-Verlag den Langen-Müller-Verlag.
  • Am 1. Januar verschwand der Nannen-Verlag in Hamburg; sein Bestand ging im Christian Wegner Verlag auf, an dem der bisherige Besitzer des Nannen-Verlags, Gerd Bucerius, nunmehr mit 75 Prozent beteiligt ist.
  • Der Verlag Franz Schneekluth in Darmstadt ging in den Besitz des Münchner Ehrenwirth Verlages über.
  • Am 7. Februar wurde der Claassen Verlag in Hamburg an den Düsseldorfer Econ-Verlag verkauft.
  • Ein paar Tage später wurden die – bis dahin von Hildegard Grosche in Personalunion geführten – Verlage Goverts und Steingrüben in Stuttgart vereinigt; an der neuen Firma ist einer der beiden deutschen Buchgemeinschaftsgiganten, die Georg-von-Holtzbrinck-Gruppe, maßgebend, das heißt mit mehr als fünfzig Prozent beteiligt.
  • Spätestens seit einer Spiegel- Meldung hält sich das Gerücht, der Rowohlt Verlag solle an den amerikanischen Time-Life-Konzern, der überschüssige Gelder seit langem in Europa anzulegen versucht und in Frankreich den Verlag Laffont erwarb, verkauft werden; die Wahrheit ist, daß sich Rowohlt, dem einiges Fremdkapital im Augenblick gelegen käme, um im Druckereigeschäft autarker zu werden, zum erstenmal auf zögernde Verhandlungen mit Time-Life über eine Minderheitenbeteiligung am Taschenbuchverlag eingelassen hat.
  • Im Mai übernahm der auf Erotica spezialisierte Hamburger Gala-Verlag den durch den Tod seines Besitzers verwaisten Asmus-Verlag.

Einige weitere Transaktionen dieser Art, Verkäufe oder Fusionen, sind zu erwarten; mit näheren Angaben zöge man sich Prozesse wegen Geschäftsschädigung zu.