Von Rudolf Hartung

Das Unternehmen eines Lyrikers, der seinen ersten Roman schreibt, darf man wohl abenteuerlich nennen – obschon das Schreiben eines Romans natürlich immer ein Abenteuer ist.

Auf welche Weise gewinnt ein Schriftsteller, der bislang im Gedicht mit Abbreviaturen, Zeichen und Augenblicken gearbeitet hat, im Roman nun „Welt“? Wird es ihm gelingen, Figuren und eine interessante oder glaubwürdige Handlung zu entwerfen – ihm, der im Gedicht, vielleicht nicht ohne Hochmut, sich davon dispensiert glauben durfte? Wird er begreifen, daß im Roman, anders als in der Lyrik, die Sprache allein keinen Sieg verbürgt? Daß, beispielsweise, in einem Gedicht die Verse „Erhell mein/hinterlistiges Herz“ vielleicht befriedigen können, daß aber in der Prosa eines Romans zu der freigebigen Alliteration dieser Verse noch unendlich viel mehr hinzukommen muß, damit so etwas wie Authentizität sich einstellt?

Die Verse stammen von Heinz Piontek, dessen erstes größeres Erzählwerk vorliegt –

Heinz Piontek: „Die mittleren Jahre“, Roman; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 303 S., 19,80 DM

Versprechend klingen die – freilich recht hoch gestimmten – ersten Sätze dieses Romans: „Alle Bilder waren ins Feuer gewandert. Aber eines Morgens erhob ich mich, ehe der Mond unterging. Wie ein Vogel kann die Unruhe anscheinend toter Brandplätze an unsere Tür prallen. Ich nahm einen Zug, der gegen Mittag in München eintraf

Der Lyriker verleugnet sich nicht: Das Vokabular, der bildhafte Ausdruck, die eilige Raffung verraten ihn; selbst der Mond, dies einst dem Gedicht fast heilige Requisit, darf über dem Aufbruch leuchten. Auch im weiteren Verlauf finden sich viele Stellen, die sich der geübten Technik, der Sehweise, dem sprachlichen Zugriff eines Lyrikers verdanken: wenn von der „hopfensüßen Stille“ eines Lokals die Rede ist; wenn es von den Augen eines Mädchens heißt: „Lichter, hinter einer Nebelwand geschwungen“; wenn der Ich-Erzähler von sich und anderen die – freilich wenig bewiesene – Behauptung aufstellt: „Der bittere Geschmack des Vaterlandes verging uns im Mund.“