Stanley Kauffmann, Romanautor, Mitherausgeber der „New Republic“:

Ich träume oft von Deutschland. In anderen Ländern bin ich viel länger gewesen als zwei Wochen; das hat mein Nachtleben in keiner Weise beeinflußt. Es kann nicht nur an Deutschlands politischer Vergangenheit liegen; ich habe 1960 Österreich besucht, ein Land, das viel nazistischer war als Deutschland, und habe nichts Ähnliches gespürt. Offenbar gibt es eine besondere Beziehung zwischen mir und Deutschland. Das geht auch daraus hervor, daß ich bei diesem – meinem ersten – Besuch oft das Gefühl hatte, wir seien seit dem Zweiten Weltkrieg die ersten Ausländer, die nach Deutschland kamen. Zuweilen war mir sogar, als wäre ich ganz allein.

In diesen Träumen bin ich immer ein Deutscher. Kein deutscher Jude wie mein ausgewanderter Großvater, sondern ein nichtjüdischer Deutscher im heutigen Deutschland. Meist sind es Alpträume, die mich heimsuchen.

Ich glaube, diese Selbstdramatisierungen, erst auf der Reise und jetzt hier in den Nächten, werden aus mehreren Quellen gespeist. Die erste ist meine früh ererbte Bewunderung für alles Deutsche. (Wer eine Erklärung dieser Geisteshaltung in deutschen Juden wünscht, lese Gershom Scholems Artikel in „Commentary“ vom November 1966.) Die Hitlerjahre haben diese Bewunderung reduziert.

Ich glaube ferner, daß ich diese Reise so sehr persönlich nahm, weil ich mich gut der früheren Bewunderung entsann; ich wußte auch, was in den dreißiger Jahren mit meinen deutschen Verwandten geschehen war und was mir selbst geschehen wäre, wenn ich dort gelebt hätte; und weil ich das in Deutschland zu finden erwartete, was ich dann auch gefunden habe.

Jeder intelligente Amerikaner, egal aus welchem Milieu, muß seine Vorstellungen von Deutschland bestätigt finden: daß sie viel über Demokratie reden; daß ihre Worte weniger auf politischer Realität basieren als auf Mißverständnissen, Phantasie, dem Wunsch, sich beliebt zu machen und ebenso dem Wunsch, die weniger demokratischen Gegebenheiten in ihrer heutigen Politik zu vertuschen; daß es überall in den wichtigen Ämtern einen erheblichen Bodensatz früherer Nazis gibt; daß viele Deutsche – vor allem die älteren und die sehr jungen – sich mit Deutschlands Verlust an Weltstellung nicht abfinden wollen; und daß unter vielen Intellektuellen und Künstlern einige Bitterkeit herrscht, weil sich im Nachkriegsdeutschland so wenig geändert hat.

Alle diese Mutmaßungen haben sich natürlich als richtig herausgestellt. Das bestärkte meine Illusionen von einer privaten Informationstour. Die schlimmen Träume resultieren aus der Tatsache, daß viele meiner Vorstellungen jetzt verkörpert, personifiziert sind. Sie sind nun keine Ideen mehr, sondern lebendige Menschen, und viele hatte ich sehr gern. Sie leben, sie sprechen. Sie haben eine persönliche und politische Vergangenheit und daher ihre eigene Einstellung, die keine Rechtfertigung ist, sondern ein Standpunkt. Und aus all diesen Erfahrungen schließe ich, daß es, wie es im neunzehnten Jahrhundert eine Art Schicksal war, Russe zu sein, heute Schicksal ist, Deutscher zu sein, und das heißt: Nachfolger und Verurteilter.