K.-H. W., London, im Mai

Die Abgeordneten des britischen Unterhauses sind noch bis zur nächsten Woche in den Ferien. Ihre Abwesenheit hat es Premierminister Wilson und seinem vielkritisierten Außenminister George Brown bisher erspart, de Gaulles verschleierte Zurückweisung des britischen EWG-Antrags offiziell zu kommentieren. Nichts war ihnen lieber. Beide hätten nur sehr ungern die aus Paris herüberwehende Kühle mit ungerührtem Optimismus oder gar mit Freundlichkeiten beantwortet. Wenn jedoch das Parlament wieder zusammentritt, wird die EWG-Konferenz von Rom beendet sein. Dann wissen die Engländer, wie es mit ihren Aussichten auf Verhandlungen bestellt ist: ob diese bald, spät oder am Ende gar nicht kommen. Jede der drei Möglichkeiten erlaubt den Regierungssprechern eine klarere Stellungnahme, als sie im Augenblick gegeben werden könnte.

Den in dieser Deutlichkeit nicht erwarteten Unwillen des Generals hat den EWG-Gegnern in England sofort neuen Auftrieb gegeben. Wilson wird es in seiner Partei schwerer haben als bisher; an eine Maßregelung der innerfraktionellen Opposition bei der EWG-Abstimmung ist überhaupt nicht zu denken. Selbst Edward Heath muß nun mit einem stärkerem Widerstand unter seinen Tories rechnen. Der Gedanke liegt nahe, daß es sich bei der Wählerschaft auszahlen könnte, rechtzeitig auf Gegenkurs zu steuern. Im Kabinett wird die Frage, wo denn die Alternativen liegen, kaum länger ein Tabu sein. Zwar hat es der Premierminister in der Hand, zu bestimmen, was im Kabinettssaal diskutiert wird und was nicht, und bisher wurde immer nur das Wenn und Aber einer einzigen Lösung, der des Beitritts, ausführlich erörtert. Jetzt wird man sich abzusichern haben. Ein zweites Scheitern läßt sich zwar relativ leicht abfangen, wenn die pausbäckige Zuversicht von Finanzminister Callaghan belohnt und die Wirtschaft samt den Staatsfinanzen aus den roten Zahlen herausgebracht wird. Kommt es jedoch anders, stagnieren Exporte und Produktion, so wäre ein gleichzeitiges Zusammenbrechen der Europa-Verhandlungen ein Schlag, von dem sich die Labour-Regierung bis zu den Wahlen auch dann nicht erholen würde, wenn Wilson die volle Fünf-Jahr-Periode ausnutzt.

Von seinen taktischen Finessen wird nun eine Serie von Wundern erwartet. Das beginnt am Montag mit dem geplanten Besuch in Washington, der ominöserweise mit der römischen Gipfelkonferenz zusammenfällt. Der Premier kann in den USA nur ganz farblos bleiben, er muß jedes konkrete Resultat meiden. Herzliches Einvernehmen mit den Amerikanern wäre Munition für de Gaulle, von der Labour-Linken zu schweigen. Frostigkeit im Umgang mit Johnson dagegen würde sich gut für die EWG-Beobachter ausnehmen, aber die Gastgeber weniger erfreuen. Das Verständnis der Amerikaner für Wilsons Dilemma hat seine Grenzen in den Vorteilen, die sie aus der angelsächsischen Partnerschaft ziehen. Daher sollte man glauben, eine Verschiebung dieser Reise mit dem Hinweis auf die Krise im Nahen Osten, die antibritischen Demonstrationen in Hongkong, den Streit um Gibraltar wäre die beste Lösung. Denn jedes Ergebnis des Besuchs kann nur Unheil anrichten.

Trost erwächst den Engländern im Augenblick nur durch die Zuversicht auf die langfristige Entwicklung. Sie muß natürlich gegen den General arbeiten. Daher hat Jean Monnet den Briten in einem Interview mit der Sunday Times Zuspruch erteilt und sie aufgefordert, die akuten Schwierigkeiten nicht mit dem Endziel zu verwechseln. Dazu besteht bei manchen englischen Zeitungen freilich ein spürbarer Hang.

Dem sucht auch der Europa-Ausschuß der Labour-Party zu steuern, der etwas spät die Rührigkeit der Beitritts-Feinde bemerkt hat und nun eine große Kampagne mit prominenten englischen und kontinentalen Rednern startet. Sie sollen Zusammengehörigkeit demonstrieren, Durchhaltedevisen ausstreuen und Mut machen. Die Engländer wissen, daß sie den jetzt bitter nötig haben.