Von Dieter E. Zimmer

Der zweite, der jüngere Riese und Bertelsmanns unmittelbarer Rivale ist die Gruppe um Georg von Holtzbrincks Deutschen Bücherbund. Sie umfaßt zur Zeit fünf Buch- und Schallplattengemeinschaften, die Hanseatische Druckanstalt, eine Beteiligung an der Wochenzeitung Christ und Welt sowie einige Verlage: die Hanseatische Verlagsanstalt, den Stuttgarter Coron-Verlag (bei ihm erscheint eine Bibliothek der Literatur-Nobelpreisträger) – und kam vor einigen Jahren ins Gerede, als sie Anteile am S. Fischer Verlag erwarb und als damit zum erstenmal eine Buchgemeinschaft nach einem der ganz großen literarischen Verlage griff.

Die Geschichte jener Transaktion mit ihren Indiskretionen und unglaubwürdigen Dementis ist ein Kapitel für sich, und kein glückliches. Noch heute gehört der Umfang der Beteiligung am S. Fischer Verlag zu den streng gehüteten Geheimnissen, obwohl alle Welt mit Sicherheit zu wissen glaubt, daß die Familie Fischer mit 40 Prozent, Holtzbrincks Bücherbund mit ebenfalls 40 Prozent und die Wiener Druckereibesitzer Salzer mit 20 Prozent beteiligt sind. Immerhin ist auch diese Lesart möglich: Einer der traditionsreichsten deutschen Verlage konnte durch die Millionen einer Buchgemeinschaft vorerst gerettet werden.

Daß Holtzbrinck, anders als Bertelsmann, sein Interesse an Buchverlagen nicht verloren hat, zeigte die jüngste Beteiligung an Goverts-Steingrüben, die sich über Jahre hinweg angebahnt hatte.

Glaubt man den Leuten vom Bücherbund, so handelte es sich dabei um einen Akt reiner Philanthropie: Man wünsche, hieß es, daß kleine und mittlere Verlage im Konkurrenzkampf mit den Großen überleben. Das wird nicht der ganze Grund sein – schließlich ist ein eigener Verlag auch eine sichere und vorteilhafte Quelle für Buchgemeinschaftslizenzen.

Soweit sich die Lage übersehen läßt, drohen gegenwärtig jedenfalls keine übermächtigen Konzernbildungen. Wer ängstlich nur in jene Richtung starrt, ständig gewärtig, daß ein Buchgemeinschaftsdämon auftaucht und die freien Verlage frißt, übersieht leicht die Schwierigkeiten, die den Alltag des Bücherverlegens in Deutschland in zunehmendem Maße belasten und die die Position insbesondere der mittleren Verlage, der Häuser mit Jahresumsätzen von sagen wir einer halben Million bis zu zwei Millionen, immer prekärer machen.

Ihre Aussichten sind in der Tat nicht gut: Chancen haben die sehr wenigen noch unabhängigen großen Verlage, haben jene literarischen Verlage, die – wie Luchterhand oder Hanser – einen größeren Fachverlag im Rücken haben, und schließlich die ganz kleinen, die wissen, was sie wollen, sich also das erwerben, was man ein „Profil“ nennt, und den Aufwand ihres eigenen Apparats auf ein Minimum reduzieren – etwa Günther Neske in Pfullingen oder Limes in Wiesbaden oder die drei jungen Berliner Verlage Renate Gerhardt, Klaus Wagenbach und Voltaire. Sie haben Chancen, weil sie auf den so aufwendigen wie aussichtslosen Wettlauf mit den Großen von vornherein verzichten.