Moshe Pearlman: Gespräche mit Ben Gurion. Erfahrungen, Erinnerungen, Erkenntnisse. Kindler Verlag, München, 304 S., 18,50 DM.

Es sind keine wirklichen Gespräche, die Ben Gurion mit einem seiner engsten Berater geführt hat, sondern Monologe, die der klug fragende Partner aus ihm herausholt. Eine bedeutende Selbstdarstellung in einem umfassenden Interview. Autobiographisch sind nur die ersten Kapitel, dann verschwindet die Person hinter dem Werk. Der „große, alte Mann“ identifiziert sich und seine Tätigkeit mit der Entstehung des Staates Israel.

Ben Gurion wollte, wie alle überzeugten Zionisten, die jüdische „Heimstätte in Palästina“ (Balfour-Erklärung) nicht als Symbol, nicht als „Vatikanstaat“, sondern als ein lebensfähiges, gesichertes Staatsgebilde für ein bedrohtes Volk; er wollte auch kein „jüdisches Karthago“ mit handeltreibender Stadtbevölkerung, sondern eine normale arbeitsteilige Gesellschaft in einem autonomen Gemeinwesen, nachdem die jüdische Berufsstruktur in den Gastländern und unter den Bedingungen der Ghettoisierung in Osteuropa jahrhundertelang anomal gewesen war. Die Voraussetzung dafür war die unbeschränkte Einwanderung.

Aber daraus entstanden – bei der verschiedenen Herkunft und Kulturlage der meist mittellosen Einwanderer, ihrer unvorhersehbar großen Zahl, bei der Unerschlossenheit des Südens (Negev), der Wasserarmut des Landes und dem Kriegszustand, der die sofortige Verteidigung notwendig machte – Aufgaben von gigantischem Ausmaß. Sie mußten alle gleichzeitig angegriffen werden.

Mit der Lösung dieser Aufgaben hat der israelische Staat eine Art Entwicklungsmodell für viele junge Staaten in Asien, Afrika und Lateinamerika geschaffen. Er bot nämlich denjenigen eine Alternative an, die weder das kapitalistische noch das kommunistische System akzeptabel fanden; die Alternative bestand – wie Ben Gurion darlegt – in dem neuen sozialen Typ kooperativer Farmsiedlungen, die produktive Planwirtschaft und freien, pionierhaften Unternehmungsgeist verbanden. Delegationen der Entwicklungsländer studierten das israelische Erziehungs- und Gesundheitsprogramm, die Lösung des Wasserproblems, das Genossenschaftssystem und die Formen militärischer Ausbildung, und zahlreiche israelische Experten arbeiteten Jahr für Jahr in drei Erdteilen.

1963 zog sich Ben Gurion wieder in eine Siedlung im Negev zurück, in die Wüstenlandschaft im Süden Israels, die der Staat, wenn er bestehen will, nicht dulden kann. Ihre Erschließung fordert die wissenschaftliche Forschung und den Pioniergeist zu größten Anstrengungen heraus. Ben Gurion ist überzeugt, daß sich Utopien verwirklichen lassen, er hat es selber erlebt, daß Theodor Herzls Vision von „Altneuland“ zu der Realität des Staates Israel geworden ist. Dieses Motiv kehrt in diesem Rückblick des großen Realisten immer wieder – er nennt es das Wunder. Deshalb liebt er auch den Negev.

Wanda Kampmann