Der Ausbruch des offenen Krieges zwischen Israel und Ägypten hat an der Börse deutliche Spuren hinterlassen: Die Aktienkurse sind auf breiter Front gesunken. Diese Entwicklung hat den vorsichtigen Wertpapieranlegern recht gegeben, die ihre Kaufentscheidung wegen der unübersichtlichen politischen Lage im Nahen Osten bis auf weiteres aufgeschoben hatten. Erfahrungsgemäß ist die Reaktion der Börse auf solche Krisen im Anfangsstadium am schärfsten. Die Spekulation verläßt das schwankende Börsenparkett, um möglichen weiteren Kursverlusten aus dem Wege zu gehen. So war es auch am ersten Tag des heißen Krieges in Nahost. Die Kulisse trennte sich von ihren Beständen und spekulierte auch noch à la Baisse. Daß die Kurse dabei kräftig zurückgingen, braucht niemand zu wundern.

Doch schon einen Tag später hatte der Schock über den Kriegsausbruch nachgelassen. Die Kurse stiegen wieder, und in der Spitze wurde die Hälfte der Kursverluste vom Vortag aufgeholt. Auch an ausländischen Börsen notierten die Aktien überwiegend wieder fester, nachdem es auch dort am Montag zu Kurseinbußen gekommen war. Besonders in Mitleidenschaft gezogen waren ölwerte und Goldminen. Royal Dutch, die in den arabischen Ländern viel investiert hat, war von den Ölaktien am meisten betroffen. Am Goldmarkt dagegen belebte sich aus spekulativen Gründen das Geschäft. Allein in Paris verdoppelte sich der Umsatz am ersten Tag des heißen Krieges in Nahost auf fast 13 Millionen Franc.

Im Schatten der Nahostkrise ließ natürlich auch das Interesse für die bisher von der Spekulation favorisierten Aktien nach. So fielen vor allem Gelsenberg mit einem großen Verlust auf. Aber dieser Kursrückgang hat seine Ursache nicht nur in der Außenpolitik; hier spielten auch die Verhandlungen Bonns mit der Dresdner und der Deutschen Bank eine Rolle, die wegen einer Übernahme ihrer Pakete durch den Bund geführt wurden. Die Hoffnungen der Börse, daß die freien Aktionäre bald ein attraktives Angebot vom Bund oder der Veba erhalten würden, scheinen sich als Illusion herauszustellen.

Der Bund ist nur noch bereit, von den beiden Großbanken 26 Prozent des Kapitals der GBAG zu übernehmen, allerdings zu dem stolzen Preis von 192 Prozent. Aber auf dem Rest ihrer beiden Pakete, der etwa 12 Prozent des GBAG-Kapitals von 485 Millionen ausmacht, bleiben die Großbanken erst einmal sitzen. So wollte es Wirtschaftsminister Schiller. Damit wird der schlechte Eindruck vermieden, den das Geschäft zwischen dem Bund und den Großbanken sonst beim Börsenpublikum mit Sicherheit gemacht hätte.

Überraschung hat eine Ankündigung Henry Reichholds ausgelöst, die er über seinen Hamburger Rechtsanwalt Dr. Labin veröffentlichen ließ: Die amerikanische Reichhold Chemicals Inc. bereitet ein Angebot an die Aktionäre der Reichhold Chemie AG in Hamburg vor, das noch in dieser Woche veröffentlicht werden und „erheblich günstiger“ als das der Farbwerke Hoechst sein soll, die etwa 270 Mark für eine Reichhold-Aktie geboten hatten. Die RCI-Offerte soll bei „mindestens 300, vielleicht sogar 325 Mark“ liegen. Der Kommentar der Börse zu der amerikanischen Offerte: Endlich wird deutschen Unternehmen gezeigt, daß man Aktionäre kleinerer Gesellschaften nicht einfach mit einem unbelegten Butterbrot abfüttern kann. P. W.