In Stuttgart werden Henry Moores Shelter Drawings ausgestellt

Von Petra Kipphoff

Vom 10. Juli 1940 an starteten während etwa eines halben Jahres in Deutschland ein gutes Tausend Kampfflieger und ein ebenso gutes Tausend Jagdflieger in Richtung England, um, wie Geschichtsbücher so sagen, das „Unternehmen Seelöwe“ vorzubereiten – zu deutsch: die Insel von oben her zu präparieren für eine nachfolgende deutsche Invasion zur See. An einem dieser „Blitzkrieg“-Tage („Blitz“ ist, neben „Sauerkraut“ und „Weltschmerz“, ein deutscher Beitrag zum internationalen Wortschatz) geschah es, daß Henry Moore sein eigenes Auto nicht benutzen konnte und daher, was selten vorkam, zur Londoner Untergrundbahn ging. Es war die Nacht eines schweren Angriffs, viele Menschen hatten sich, wie oft schon, in den Tunneln und Bahnhöfen der tube einquartiert. Was Moore bei dieser Fahrt durch das unterirdische London sah, hat er später in einer biographischen Notiz festgehalten: „Ich hatte nie zuvor so viele Reihen von zurückgelehnten Figuren gesehen, und sogar die Löcher, aus denen die Züge kamen, erschienen mir wie die Löcher in meinen Skulpturen. Da waren intime kleine Eindrücke. Fest eingeschlafene Kinder, an denen in kurzer Entfernung die Züge vorbeidonnerten. Leute, die sich offensichtlich fremd waren, bildeten intime kleine Gruppen; sie waren von dem, was über ihnen vorging, abgeschnitten, doch sie nahmen es wahr. Da war Spannung in der Luft. Sie waren ein wenig wie der Chorus in einem griechischen Drama, der von den Gewalttaten meldet, über die wir nicht Augenzeugen sind.“ (Diese Übersetzung ist dem deutschen Katalog entnommen.)

An diesem Tag begann Henry Moore seine shelter drawings. Zwei Skizzenbücher entstanden und eine Reihe von Zeichnungen. Über das Wesen des Krieges sagen sie mehr als eine statistische Aufstellung der Obdachlosen und Toten jener Nächte.

In der Marlborough Fine Art-Galerie in London wurde im vergangenen Jahr eines der Skizzenbücher zum erstenmal öffentlich gezeigt, zum ersten und gleichzeitig letzten Mal ist es jetzt in der Bundesrepublik zu sehen. Nach der Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart (bis Ende Juni) werden die Blätter (man hatte das Skizzenbuch auseinandergenommen, um eine Faksimile-Reproduktion anzufertigen) wieder zusammengeheftet in den Privatbesitz von Irina Moore zurückkehren.

„Shelter“ ist, laut Oxford English Dictionary, ein „place of safety or immunity“; Keller eines Warenhauses, Untergrundbahnhöfe und unterirdische Tunnelröhren sind von ihren Erbauern wohl kaum im Hinblick auf derartige Definitionen geplant, für die Londoner jedoch boten diese Verliese unter der Erde Schutz vor dem, was sich auf der Erde tat. In diesen Jahren entstand eine neue Sorte Mensch: die shelterer oder shelter people.

Moore, der seit der ersten Begegnung mit den shelterers noch manche Nacht in den Bunkern und Tunneln verbrachte, machte seine Zeichnungen nicht an Ort und Stelle.