Von Alex Natan

Dies ist kein Plagiat an Joachim Fernau, es ist eine Huldigung an einen schottischen Fußballverein aus Glasgow, der soeben im Zeichen der Distel, des nationalen Hoheitszeichen Schottlands, einen bisher nie dagewesenen Erfolg erzielt hat. Celtic haben sich eine dreifache Krone erringen können: sie sind in diesem Jahr schottischer Ligameister, schottischer Pokalsieger geworden und haben nun auch den Europa-Pokal gegen Inter Milan in Lissabon gewinnen können. Der Zyniker ist vielleicht gar nicht einmal so sehr überrascht, wenn er lesen durfte, daß Celtic 70 Aberdeen-Steaks, 30 Pertshire-Hammelkoteletten, 10 Pfund Ayrshire-Speck, 10 Pfund geräucherten Schinken, 10 Pfund Würstchen sowie 18 schottische Brote, 12 Pfund schottische Tomaten und einen ungewogenen Vorrat an Hafermehl und Tee nach Portugal mitgenommen haben. In Wirklichkeit liegen die Gründe für diesen Erfolg tiefer.

Glasgow scheint überhaupt in Europas Fußball dominieren zu wollen, denn Celtic’s lokaler Rivale die „Rangers“, standen im Finale des Europacups der Pokalsieger. Fußball ist heute zu einer Weltanschauung in Schottland geworden und daher von interessanter sozialer Bedeutung. Die Rivalität zwischen beiden Vereinen in Glasgow ist so erheblich, daß die Glasgower Fabriken am folgenden Montag 15 Prozent mehr produzieren, wenn beide Vereine ihre Ligaspiele gewinnen. Setzen sich beide Vereine erfolgreich durch, dann steigert sich die Sportausgabe der Glasgower Abendzeitungen regelmäßig um Tausende von frisch gedruckten Exemplaren.

jener, irrationale Antrieb, den man in England nach den gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaften zu spüren bekommen hat, ist jetzt in Schottland angesichts der großen internationalen Erfolge wahrnehmbar. Denn die beiden Vereine aus Glasgow sind zu Nationalmannschaften befördert worden, in denen sich gleichzeitig eine tiefe religiöse und kulturelle Spaltung spiegelt. Denn alle Sympathien der Presbyterianer, der schottischen Kalvinisten, sind auf Seiten der „Rangers“, während das katholische Herz der irischen Emigranten ebenso enthusiastisch und einseitig für Celtic schlägt. Diese Rivalität drückt sich in den Zeitungen des englischen Südens in der Zahl der Toten, Verwundeten und Verhafteten aus, die sich aus dem Lokalderby zwischen beiden Vereinen ergeben.

Fußball in Schottland spielt eine eigenartige gesellschaftliche Rolle, in einem Land, das viel ärmer als der reiche südliche Nachbar ist und dessen Hochland sich mehr und mehr entvölkert. Südlich der schottischen Grenze ist es heute für einen jungen Menschen einfach, sich ein gutes Auskommen zu schaffen: Er kann gewagte Moden für die Carnaby Street entwerfen, sich seine eigene Pop-Gruppe gründen oder als begabtes Kind viel Geld in der Computer-Industrie verdienen. Die Nachfrage nach begabten Fußballern hält sich in normalen Grenzen. In Schottland ist es der einzige Weg zu schnellem Erfolg, der einem jungen Menschen offensteht. Er ist längst traditionell geworden und dafür verantwortlich, warum Schottland stets mehr internationale Spieler stellt als alle anderen drei Landesteile des Vereinigten Königreichs. Noch im diesjährigen englischen Pokalendspiel stammten sechs der 22 Spieler aus Schottland.

Indessen ist die Abwanderung nach England oder ins Ausland nicht mehr für einen schottischen Fußballspieler von Klasse lebenswichtig. Celtic und Rangers vermögen heute Gehälter zu zahlen, wie es kein englischer Verein vermag. Celtic allein hat 16 Spieler auf der Lohnliste, die alle 60 000 Mark im Jahr verdienen. Nun ist ihre Mannschaft die beste Europas, wenn nicht gar der Welt geworden, ein Anspruch, der ihr natürlich aus Kreisen der „Rangers“ bestritten wird. Die Konkurrenz zwischen diesen beiden Vereinen ist einfach unglaublich, weil so viele religiöse Motive eine bedeutende Rolle spielen. Kein Katholik kann für die Rangers spielen, während ein Protestant gelegentlich bei Celtic zu finden ist, einfach weil die Katholiken in Glasgow eine erhebliche Minderheit bilden. Dafür bekennt sich Celtic offen zu den Farben der irischen Republik und trägt nicht etwa die Distel als Clubabzeichen, sondern das irische Kleeblatt. Celtic besitzt sogar seinen höchsteigenen Fußball-Märtyrer in John Thomson, der im Kampf gegen die „Rangers“ 1931 von einem protestantischen Spieler am Kopf tödlich verletzt wurde.

Wie tief diese Antipathien gehen, erweist auch die Tatsache, daß die Anhänger von den „Rangers“, die politisch oft den schottischen Nationalisten zuzuzählen sind, heute bewußt die britische Nationalhymne singen und den Union Jack wehen lassen, wenn es gegen Celtic geht, eine Verhaltensnorm, die sonst in Schottland wohl als Landesverrat gebrandmarkt werden würde. Deswegen ist auch das Zeigen der britischen Nationalfarben auf dem Celtic-Platz verboten, wenn dort gegen die „Rangers“ gespielt wird. Der religiöse Antagonismus ist sicherlich der Anlaß von vielen Zusammenstößen; doch scheint er mehr noch die Entschuldigung für das Rowdytum zu sein, das sich austoben möchte. Es ist schon richtig, wenn behauptet worden ist, daß „Fußball eine Religion vorstellt, mit den Rangers‘ und ‚Celtic‘ als den beiden konkurrierenden Glaubensbekenntnissen“.