Von Wolfgang Müller-Haeseler

Der neuen BP-Anleihe über 100 Millionen Mark, die in dieser Woche zum Verkauf aufgelegt wird, wird ein glatter Absatz prophezeit. Zu der lebhaften Nachfrage, die eine Repartierung erwarten läßt, soll nicht zuletzt die variable Ausstattung der Zeichnungsbedingungen beitragen. Die Zeichner haben die Wahl zwischen einer laufenden 6,5prozentigen Verzinsung während der gesamten Laufzeit der Anleihe von 15 Jahren oder einem Zins von 6 Prozent mit einem Aufgeld bei der Rückzahlung. Dieses Agio wird erstmals im Jahre 1973, dem frühesten Kündigungstermin, mit 3 Prozent gezahlt und steigt jährlich um 1 Prozent, bis am Ende der Laufzeit ein Rückzahlungsbetrag von 112 Mark erreicht wird.

Die BP, die den Erlös der Anleihe zur Finanzierung ihres umfangreichen Investitionsprogramms benötigt, das für die Jahre von 1966 bis 1970 rund eine Milliarde Mark vorsieht, glaubt nach ihren eigenen Worten mit diesem neuen Anleihetyp etwas zur Belebung des Kapitalmarktes zu tun. Sie verweist insbesondere darauf, daß seit langem über einen Mangel an Phantasie am Rentenmarkt geklagt wird. In ihrer Werbung stellt die Gesellschaft heraus, daß bei einer Rendite von rund 6,65 Prozent die Verzinsung über dem normalen Sparzins liegt. Das ist richtig, trifft aber heute noch für fast alle festverzinslichen Anleihen zu, deren Rendite zum großen Teil noch über dem der neuen BP-Anleihe liegen. So errechnet sich nach dem gegenwärtigen Kursniveau für die 6prozentigen Bundesanleihen eine Rendite zwischen 6,7 und 6,8 Prozent.

Die neue Anleihe ist bereits auf die erwartete weitere Zinssenkung und dem damit verbundenen Kursanstieg am Rentenmarkt zugeschnitten. Von den zuletzt aufgelegten Anleihen weist diese Anleihe zweifellos die schärfsten Konditionen auf. Die Anleihe der Industriekreditbank zum Beispiel erbrächte bei einer Verzinsung von 6,5 Prozent und einem Zeichnungskurs von 98,5 eine Rendite von 6,8 Prozent. Die vorhergehenden Länder- und Gemeindeanleihen konnten sogar schon für 97 3/4 gezeichnet werden.

Die BP glaubt dagegen mit laufender niedrigerer Verzinsung und steigendem Agio einen steuerlichen Anreiz zu bieten, der besonders für Zeichner der höheren Einkommensklasse interessant sein könnte. Nach der bisherigen Rechtsauffassung sind Aufgelder bei der Rückzahlung von Anleihen steuerfrei, während die laufende Verzinsung der Einkommensteuer unterliegt, sobald der private Anleger bei Wertpapiererträgen die Steuerfreigrenze überschreitet.

Bei dem sogenannten Wachstumstyp der Anleihe unterliegt also nur der reine Zinsertrag der Einkommensteuer, während die Differenz zwischen dem Kaufpreis der Anleihe von 99 Mark und der Rückzahlung von 112 Mark steuerfrei vereinnahmt werden kann. Dieser Typ der Anleihe – nach den Erwartungen der Banken dürfte mehr als die Hälfte der Anleihe zu den Wachstumsbedingungen gezeichnet werden – ist also vornehmlich für die Bezieher höherer Einkommen und die Besitzer umfangreicher Wertpapieranlagen interessant. Nach einer Berechnung der Deutschen Bank ergibt sich bei einer 50prozentigen Einkommenssteuerbelastung bei 6,5prozentigen Anleihen eine steuerfreie Rendite von 3,38 Prozent, während es bei 6prozentigen Papieren 3,85 Prozent sind. Bei der BP-Anleihe würde zu diesem Satz noch das steuerfreie Agio von 0,5 Prozent im Jahr hinzukommen.

Die BP hat es unterlassen, mit diesem Steuervorteil ausdrücklich zu werben. In der Tat kann heute niemand voraussagen, ob sich die steuerliche Behandlung von Agios während der 15jährigen Laufzeit der Anleihe nicht ändert. Andernfalls wäre es von der BP nur konsequent gewesen, eine noch niedrigere laufende Verzinsung mit einem entsprechend höheren Agio zu wählen. Allerdings wäre bei einer Verzinsung von 5 Prozent und einem entsprechend höheren Agio ein – nach jetziger Rechtsprechung – steuerfreier Gewinn von etwa 28 Mark je 100 Mark Anleihebetrag entstanden. Angesichts der seit mehr als einem Jahr laufenden Überlegungen, ob nicht auch Kursgewinne in die Einkommensteuer einzubeziehen seien, wäre ein so hoher steuerfreier Gewinn wohl kaum der „Aufmerksamkeit“ der Finanzbehörden entgangen.