Von Wolfgang Hauptmann

Kairo, im Juni

Der schwarze Fettstift des Zensurbeamten machte aus der Aufmachung der Londoner Times ein Rätsel. „Mister Wilson sagt“ – das blieb lesbar, aber ein dicker Strich löschte aus, daß der englische Ministerpräsident Israel das Recht zugesprochen hatte, weiterleben zu dürfen. Dies wollen die arabischen Nationalisten nicht wahrhaben. Für sie ist Israel ein Staat, der nicht auf seinen eigenen Beinen stehen kann und deshalb wie ein unterwürfiger Hund am amerikanischen Tisch bettelt – ein „schmutziger Köter“ und ein „feiges Kaninchen“, das vernichtet werden muß.

Wochenlang haben die Massen in den Städten diese Parolen gehört. Sie versammelten sich zu Tausenden auf den Plätzen, wo sie Fahnen und Transparente schwenkten und in Sprechchören den Namen Nassers riefen. Rundfunk und Zeitungen hämmerten den Menschen in Kairo und Damaskus ein, es sei Zeit zu demonstrieren, mehr zu arbeiten, zu kämpfen – und notfalls zu sterben.

Vor zwei Wochen schon erschien das Sprachrohr des ägyptischen Staatschefs, die Zeitung Al Ahram, mit der Überschrift: „Der Krieg kann jeden Augenblick ausbrechen.“ Der Konflikt müsse kommen, schrieb das Blatt, obwohl der Hafen Eilat für Israels Wirtschaft nicht unentbehrlich sei. Bisher hätten die Israelis geglaubt, sie könnten den Arabern durch wiederholte kräftige Schläge immer wieder soviel Respekt einflößen, daß der Status quo unverändert bleibe. Erweise sich diese Theorie als falsch, so müsse Israel zu den Waffen greifen, sonst breche der Glaube an die eigene Stärke zusammen, der für diesen Staat lebensnotwendig sei. Führende Ägypter wiederholten fast jeden Tag, die Juden könnten die ihnen durch die Blockade des Golfes von Akaba zugefügte Demütigung nicht hinnehmen, sie müßten angreifen. Es klang wie eine Beschwörung.

Siegesgewißheit war dabei Trumpf. Der irakische Präsident Aref verabschiedete eine nach Jordanien verlegte Düsenjägerstaffel mit dem Zuruf: „Ich hoffe, euch in Haifa und Tel Aviv wiederzusehen!“ Die Syrer warfen den Gegner mit Worten wohl schon hundertmal ins Meer. Nasser redete vom „totalen Krieg“ und beschwor die Geschichte. Vor sieben Jahrhunderten, so sagte er vor Gewerkschaftlern, hätten die Araber siebzig Jahre lang gewartet, ehe die Kreuzritter aus dem Land herausgeworfen wurden. Er habe gewartet, bis er stark genug geworden sei, den Feind mit Gottes Hilfe zu besiegen. Dieser Punkt sei nun erreicht.

Auf Weisung der Kairoer Behörden wurde in allen Moscheen nach der Verkündung des Djehad – des Heiligen Krieges – darüber gepredigt, wie süß und ehrenvoll es sei, als Märtyrer im Kampf gegen Israel zu fallen.