Erstes und Zweites Programm:

Verschiedene Sendungen der vorigen Woche

Die Bilder waren gespenstisch. Eine gut gekleidete Frau und ein grauhaariger Mann neigten huldvoll die Häupter, betrachteten mit versonnenem Lächeln die zur Waagerechten gesenkten Hinterköpfe dienernder Honoratioren, herzten das Kindchen mit dem Blumenstrauß, lächelten, Seit an Seit mit den Damen und Herren von Isar und Rhein, beim Anschaun der Picassos und beim Anschaun des Walzwerks, sie trug ein Hütchen, er einen goldenen Helm... und jenseits der Kronleuchtersäle, hinter den Fenstern, den verschlossenen Fenstern, außerhalb der gesperrten City, in gebührender Entfernung von der Limousine mit dem kugelsicheren Glas – da standen die Leute, standen Muttis, die ganz schnell einmal winkten, standen die zaghaften Klatscher, die Demonstranten, Transparentträger, Zischer und Pfeifer, standen die Achselzucker und Schweiger. Von einer einzigen Szene abgesehen – Paß schwingende persische Claqueure umringten den, der ihr Herr zu sein schien, auf Leben und Tod – sah man eine Woche lang nur Gesichter, in denen die Langeweile mit der Verärgerung, die Verachtung mit der Gleichgültigkeit stritt.

Es war ein starres Drei-Ebenen-Spiel. Auf der ersten rauschten; die Roben, wurde geflüstert, gelächelt, trug Goldhelm sich im Goldbuch ein, regierte das Protokoll, glänzten Preziosen, bekundeten nickende Männer ein unermüdliches d’accord, Majestät, ganz wie Sie meinen. Auf der zweiten Ebene hantierten Graurock und Grünrock mit Sprechgerät und Pistole, wurden Seile gespannt, Zäune bewacht, Straßen gesperrt, Gebäude umzingelt, Passanten vertrieben, Autos gestoppt, Hubschrauber eingewiesen, Spaliere gebildet und Hacken, Sporenhacken zusammengeschlagen.

Auf der dritten. Ebene endlich, sehr weit weg, ein wenig verschwommen erscheinend, gestikulierte das Volk, jubelte nicht, war höflich, zeigte Mitleid, zeigte den Ärger, weil es sich belästigt und als zweitrangig eingestuft sah: als Souverän nicht, sondern als Plebs, die, wie einst in Versailles, von ferne dem Königsschmaus zusehen durfte.

Aber am Ende der Woche waren es für den Betrachter am Bildschirm denn doch die Gesichter der Ausgesperrten der Ebene – nicht die Fräcke, nicht die Gewehre, nicht die Claqueure und nicht die Demonstranten, die von Zensur und Folterung wußten und Bahman Nirumands Anklage kannten – es waren Mienen nachdenklicher Bürger, die im Gedächtnis bleiben werden.

Schweigende Leute formulierten ihre Mißbilligung; stumme Münder sprachen sehr laut: Mancher Akteur und mancher am Bildschirm erinnerte sich eines bärtigen Mannes, dessen Stolz es war, daß er jedem Untertan sein Haupt in den Schoß legen konnte. Eberhard hieß er – der brauchte, jedenfalls dem Lied nach, kein Drei-Ebenen-Spiel. Sein einziger Leibwächter, heißt es, sei ein gutes Gewissen gewesen.

Momos