Sie sind beide Verteidigungsminister und beide Militärs, schon früh gestählt in manchen Schlachten. Ihre Feindschaft verbindet sie: den jüngst ernannten Chef des israelischen Verteidigungsressorts, Mosche Dayan, und den Oberbefehlshaber der arabischen Streitkräfte, Mohamed Abdul Hakim Amer. Sie sind die Männer der Stunde. Seit Montag führen sie ihre Heere gegeneinander – im dritten Krieg zwischen Arabern und Israelis.

Dayan und Amer sind Kinder des Krieges, Soldaten von Jugend auf, der eine ein robuster Typ, ein Draufgänger und Haudegen mit einem kräftigen Schuß zynischen Humors, der andere eher ein stets freundlich lächelnder, vornehm wirkender Privatsekretär, der sein gepflegtes Lippenbärtchen wie eine Zierde trägt, als wollte er so seine Scheuheit überwinden. Beide kennen ihr Handwerk, zeichnen sich als Militärs durch pragmatisches Denken und rationale Einsicht in das Mögliche aus. Sie beide haben den kühlen, sachlichen Verstand von Generalen: sie wagen nur das Nötigste, scheuen vor aussichtslosen, waghalsigen Abenteuern zurück. Im April 1956, nur wenige Monate vor der Schlacht um den Sinai und Suez, zog Amer seine Elitetruppen von der israelischen Grenze zurück, weil er den Waffengang mit der hochgerüsteten, disziplinierten Armee Dayans scheute. Hundert Stunden benötigte dann Israels Generalmajor, um Nassers Soldaten in die Flucht zu schlagen und in schnellen Vorstößen am Roten Meer und am Golf von Akaba entlang die ägyptische Halbinsel zu erobern.

Es heißt, die israelischen Stabschefs seien in die Schule der Clausewitz, Scharnhorst und Gneisenau geangen; sicher ist zumindest, daß Dayan, der seit jenem Blitzfeldzug den Ehrentitel "Löwe von Sinai" trägt, von Rommel und Montgomery gelernt hat, wie in der Wüste Durchbruchs- und Kesselschlachten geschlagen werden. Solche Erfahrungen fehlen seinem Gegner Amer gewiß, wenngleich die Niederlage vom Herbst des Jahres 1956 nicht auf sein Konto geht. Er führte Nassers Befehle aus. Auch hat der Israeli keineswegs recht behalten, als er nach seinem glanzvollen Sieg im Sinai meinte: "Was zählt, ist nicht das eroberte Terrain, denn Eroberungen können immer wieder in Frage gestellt werden. Es sind auch nicht die zerstörten Waffen, denn Arsenale können immer wieder aufgebaut werden – wichtig ist die Lehre, die wir unseren Feinden erteilt haben." Elf Jahre danach hatte Nasser die Lehre vergessen.

Mosche Dayan wurde vor 52 Jahren im ersten jüdischen Kibbuz, in Dagania am See Genezareth, als Sohn eines eingewanderten Ukrainers geboren, ist also ein Sabre der ersten Generation: tapfer, entschlossen und kampfbereit. Als knapp Zwölfjähriger reihte er sich in die palästinensische Wächtertruppe "Haschomer" ein, die ihre Siedlungen gegen arabische Terroristen schützte; Damals war seine Waffe ein Stecken mit einer scharf geschliffenen Pflugschar. Später kämpfte er als Freiwilliger in den Kommandoeinheiten; die der britische General Orde Wingate gegründet hatte, und wurde 1939 von den Engländern in die Verliese der alten Festung von Akko geworfen; es paßte ihnen nicht, daß der junge Dayan den jüdischen Neusiedlern die Methoden des Nacht- und Stoßtruppkampfes beibrachte. 1941 wurde er vorzeitig freigelassen, als sich die britischen Mandatsherren der jüdischen Selbstwehr "Haganah" im Kampf gegen die in Syrien stationierten Truppen der französischen Vichy-Regierung unter General Dentz bedienen mußten.

Als Kommandant der Sturmtruppe "Palmach" wurde Dayan mit 50 Mann hinter die feindlichen Linien geschleust und kämpfte, als Araber verkleidet, den anrückenden Royal Füsiliers die Invasionswege frei. Bei einem dieser Gefechte durchschlug eine Kugel seinen Feldstecher und traf sein linkes Auge. Seit dieser Zeit trägt er über der Wunde eine schwarze Klappe, die unter den Militärs bald so bekannt wurde wie das Barett Montgomerys. Scherzhaft wird er seitdem der "Pirat des 20. Jahrhunderts" genannt.

Nach seinem syrischen Abenteuer organisierte er in Südosteuropa den Agenten- und Partisaneneinsatz der "Haganah", entriß im Befreiungskrieg 1948/49 den Flugplatz Ludd bei Tel Aviv der Arabischen Legion Jordaniens, leitete die Verteidigung Jerusalems und eroberte in blitzartigen Operationen die Wüste Negev. Ben Gurion, Israels erster Ministerpräsident und "alter Mann", dessen Partei er sich anschloß, verlieh Mosche Dajan den Ehrentitel "Unser tapferster Soldat", schickte ihn zur Generalstabsausbildung an die Senior Officers’ School nach England und ernannte ihn anschließend zum General und Stabschef der Zahal, der "Wehrmacht zur Verteidigung Israels".

Die Härte, die Dayan zum Kämpfer erzogen hatte, verlangte er nun auch von seinen Offizieren: Jeder von ihnen mußte sich entweder bei einer Kommandotruppe oder bei den Fallschirmjägern trainieren lassen. So baute Dayan, mitsamt den französischen und britischen Waffen, die er sich an Ort und Stelle in Geheimverhandlungen beschafft hatte, die schlagkräftigste Armee im Nahen Osten auf. Er wußte, daß Israel ohne sie verloren wäre.