In der Wilhelmstraße 17 fühlte sich Klaus Lehnert wie zu Hause. Oft kam er zu "Oma" und zum "Onkel Scheidel". Bei der "Oma" quartierte er sich im Februar 1964 für längere Zeit ein. Zu Hause hatte es wieder einmal Streit gegeben, und am 13. Februar verschwand Timo Rinnelt. Drei Tage später wohnte der Gast allein dort, denn die "Oma" hatte sich über das ungeklärte Schicksal Timos so aufgeregt, daß sie einen Schlaganfall erlitten hatte und ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte.

Ganz Wiesbaden war während dieser Tage in Aufruhr. Da mußte es die Oma besonders ärgern, daß Klaus in ihrer Wohnung "wilde Partys" feierte. So jedenfalls war es ihr am Krankenbett zugetragen worden. Das stimmte allerdings nicht. Die Wahrheit ist gespenstisch Klaus Lehnert hatte mit den älteren Stiefsöhnen der Familie Rinnelt Rommé gespielt; dabei war es zu lautstarken Auseinandersetzungen gekommen. "Kaltblütig und Nerven wie Stricke", sagt heute die Polizei über Klaus.

Nun, nachdem Klaus Lehnert ein Geständnis abgelegt hat, ist die Wiesbadener Kriminalpolizei gesprächiger als vor drei Jahren. Das soll nicht heißen, daß die Kriminalisten damals untätig waren und deshalb nichts zu sagen hatten. Faul waren die Beamten gewiß nicht. Sie verfolgten über hundert Spuren; sie ließen einen Parksee auspumpen, als sie Meldungen erhielten, Timo Rinnelt sei in der Nähe des Wassers gesehen worden. Polizei-Hundertschaften durchstreiften die Wälder, und es wurden engmaschige Netze ausgelegt, als gewissenlose Erpresser aus dem Leid der Familie Kapital schlagen wollten.

Die Behörde setzte Belohnungen aus und rang sich sogar dazu durch, dem "Entführer" – von dieser These ging man während der ersten hektischen Tage der Großfahndung noch aus – "freies Geleit" für die nächsten Stunden nach der Übergabe des Lösegeldes zuzusichern. Oberstes Gebot war: Ein Menschenleben ist wichtiger als Paragraphen und Dienstvorschriften. Trotzdem gab es damals nur bitterböse Schlagzeilen mit dem einmütigen Tenor: "Die Polizei hat versagt!"

Im Rückblick auf jene turbulenten Tage und Wochen nach dem 13. Februar 1964 muß man sagen: Die Kritiker bissen sich an allem Möglichen fest, nur nicht darin, daß die Kriminalpolizei Klaus Lehnert einen halben Tag vernahm – und ihn wieder laufen ließ. Wußte damals die Polizei nicht schon das, was heute alle wissen: Daß während der Tatzeit im Hause Wilhelmstraße 17 ein junger Mann – Klaus Lehnert – lebte. Eine gescheiterte Existenz, ein junger Mann, der die väterliche Erbschaft von 20 000 Mark "durchgebracht" hatte? Jener Klaus Lehnert, der es an keiner Arbeitsstelle aushielt und der sich – mit rotem Sportwagen und als Stammgast in einer exklusiven Bar – so aufführte, wie er sich einen "jungen Mann von Welt" vorstellte?

Nach Erpressern wurde damals verzweifelt gefahndet, nach Menschen, die um jeden Preis an Geld kommen wollen. War nicht Klaus Lehnert, der in diesen Tagen beinahe Tür an Tür mit der Familie Rinnelt lebte, in ständigen Geldnöten? Tag und Nacht wurde das Haus Wilhelmstraße 17 von der Polizei bewacht, und dann findet man – wie von Geisterhand hinterlegt – auf der Kellertreppe einen Erpresserbrief. Wenige Meter vom "Fundort" entfernt wohnte ein Mann, der gar nicht in dieses Haus gehörte: Klaus Lehnert.

"Der Täter muß die Verhältnisse im Hause Wilhelmstraße 17 sehr gut kennen." So schloß damals die Polizei messerscharf. Aber hat die Polizei Klaus Lehnert, der die Verhältnisse sehr gut kannte, nach seinem Alibi für die Tatzeit gefragt? Hat man ihn gefragt, wo er sich aufhielt, als die mysteriösen Telephonanrufe kamen, die Vater Rinnelt kreuz und quer durch Wiesbaden jagten, in der Hoffnung, mit dem Entführer in Kontakt zu kommen und gegen ein Lösegeld sein Kind zu retten?