Von Jörg Andrees Ellen

Tel Aviv, im Juni

Israels Falken haben gesiegt. Am Sabbat bot Tel Aviv noch ein friedliches Bild. Dunst über dem Meer kündigte im Morgengrauen einen heißen Tag an. Die Badelustigen fanden sich schon zu früher Stunde am Strand ein. Viele Soldaten und Offiziere hatten in der Nacht zuvor ihre Bereitstellungen in Grenznähe verlassen und mit ihren Bräuten und Freundinnen in den populären Tanzlokalen der Stadt einen Kurzurlaub bei heißer Musik verbracht. Die Barbesitzer gewährten den jungen Leuten in ihren Tarnuniformen und groben Stiefeln freie Drinks. Die Krisenspannung hatte spürbar nachgelassen.

In privaten Gesprächen erklärte Mosche Dayan, der legendäre Sieger des Suez-Krieges von 1956 und neuernannte Verteidigungsminister: „Die Regierung Eschkol hat beschlossen, der Diplomatie vollen Spielraum zu geben. Wir bleiben bei dieser Politik.“ Die Diplomaten waren am Zuge, und sie arbeiteten fieberhaft, um einen Krieg im Nahen Osten zu vermeiden.

Passagiere der israelischen Fluggesellschaft El Al gingen am Montagfrüh an Bord des Düsenclippers, der flugplanmäßig Richtung Istanbul, Zürich und Frankfurt startete. Sie ahnten nicht, daß der Krieg bereits seit zwei Stunden tobte, als die Maschine von der Piste im Flughafen Lod bei Tel Aviv abhob. Der Regierung Eschkol, die es im frühen Stadium der Krise versäumt hatte, Nassers Herausforderung mit einem Blitzkrieg zu beantworten; war ein verspäteter Überraschungscoup gelungen. Sie hatte in einem Moment zugeschlagen, als die Diplomaten die Kriegsgefahr bereits gebannt zu haben glaubten.

Moskau und Washington hatten diesen Krieg gefürchtet und unter der Hand zur Mäßigung gemahnt. Präsident Johnson war im Begriff, seinen Vizepräsidenten Humphrey nach Kairo zu schicken, um Nasser zu einem Kompromiß in der Frage der freien Schiffahrt im Golf von Akaba zu bewegen. Zuverlässige Informationen ließen darauf schließen, daß dem ägyptischen Staatspräsidenten die gefährliche Eskalation im Nahost-Konflikt selbst höchst unheimlich geworden war. Er brauchte Zeit, um sich aus der Affäre zu ziehen, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren.

Das israelische Kabinett war gespalten. Genau eine Woche vor Ausbruch des Krieges, als Außenminister Abba Eban ohne handfestes, verbindliches Hilfsversprechen der Amerikaner aus Washington zurückgekehrt war, tagte die israelische Regierung nachts im Dan-Hotel zu Tel Aviv und beriet in leidenschaftlicher Diskussion über Krieg und Frieden. Neun Minister stimmten für Krieg – neun waren dagegen. Während die Minister um eine schicksalhafte Kabinettsentscheidung rangen, warteten die internationalen Journalisten drei Stockwerke tiefer in der Hotelbar und ahnten nicht, daß der Frieden an einem seidenen Faden hing.