Von Kurt Becker

Wird der Krieg im Nahen Osten die Ansätze der west-östlichen Entspannungspolitik wieder verschütten?

Selbst im Falle eines schnell herbeigeführten Verhandlungsfriedens ist es unwahrscheinlich, daß die beiden Weltmächte dort wieder anknüpfen, wo in ihren Beziehungen zueinander der Krieg eine Zäsur hinterlassen hat. Die Entspannungspolitik ist momentan lahmgelegt. Doch als Begleiterscheinung des Nahost-Krieges wird dies eher ein Zwischenspiel bleiben und jedenfalls nicht einfach das Ende dieser Politik bedeuten.

Die Philosophie der Détente ist die mächtigste Grundströmung amerikanischer Außenpolitik. Euphorischer Überschwang, sofern er je bestanden hat, ist längst verflogen. Washington rechnet jetzt in langen Zeiträumen. Es hat sich eher auf Widrigkeiten als auf schnelle Erfolge eingestellt. Auch das heraufziehende Gewitter im Nahen Osten, Nassers Spiel und die sowjetische Beteiligung hieran, hat Washington des längeren und mit viel größerer Präzision als seine europäischen Verbündeten vorausgesagt, ohne deshalb schon die Ostpolitik einer fundamentalen Neuorientierung zu unterwerfen. Es ist darum auch nicht anzunehmen, daß das Ruder jetzt nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Israelis und Arabern völlig herumgeworfen wird.

Entgegen mancher logisch begründeten Prophezeiung hatte die kubanische Raketenkrise vor vier Jahren die amerikanische Tendenz zur Entspannung auch nicht etwa abgetötet, sondern ihr eigentlich erst zum Durchbruch verholfen. Eine auf Spannungsabbau gerichtete Politik ist ja die Folge intensiver Spannung, nicht etwa einer freundschaftlichen Annäherung der beiden Weltmächte. Die Amerikaner wissen, daß eine partielle Übereinstimmung der Interessen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in weltpolitischen Fragen noch lange nicht das Ende ihrer machtpolitischen Rivalität einleitet.

Die Bereitschaft Amerikas und der Sowjetunion, sich wechselseitig als die großen Ordnungsmächte dieser Welt zu tolerieren und auf dieser Ebene sogar zu zweit zusammenzuspielen, hatte gewiß manchen Förderer der Entspannung die Gemeinsamkeit der Giganten übergroß und die zwischen ihnen unverändert bestehenden Gegensätze in einer allzu verharmlosenden Größenordnung sehen lassen. Aber spätestens der neu einsetzende Rüstungswettlauf zwischen den beiden Weltmächten hat völlige Ernüchterung in Washington bewirkt; ebenso Moskaus Haltung im Nahen Osten, wo die Sowjets den von ihrer Unterstützung abhängigen Nasser die Krise anheizen ließen, um, wovon die Amerikaner überzeugt sind, sich auf diese Weise in Nordvietnam Entlastung zu verschaffen.

Der Krieg in Nahost gibt überall den leidenschaftlichen Gegnern der Entspannungspolitik wieder Oberwasser – auch in Bonn. Aber wenn dieser Krieg tatsächlich lokalisiert werden kann, sollte es nicht darum gehen, ob die Entspannung fortgesetzt wird; denn der tiefere Sinn der westlichen Friedensstrategie ist ja durch die Explosion im Vorderen Orient nicht seines Inhaltes entleert, sondern eher noch dringlicher geworden. Vielmehr kommt es künftig auf das Wie dieser Politik an. Der Nahost-Krieg führt nicht nur die engen Grenzen der Entspannungsmöglichkeiten vor Augen, er wirft auch die Frage auf, ob die Amerikaner nicht einen fundamentalen Fehler begingen, indem sie in einem klassischen Krisengebiet ein machtpolitisches Vakuum entstehen ließen und dadurch den sowjetischen Krisenwillen steigerten.