Das Schlimmste, was den Sozialdemokraten bei den Landtagswahlen in Niedersachsen hätte passieren können, ist nicht eingetreten: ein Sieg der CDU. Im Finish hatte die SPD doch noch die Nasenspitze vorn. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird in Niedersachsen also auch künftig ein sozialdemokratischer Ministerpräsident der Großen Koalition vorstehen.

Jene Zeiten allerdings, da die SPD bei Landtagswahlen mit schöner Regelmäßigkeit von Gewinnen und von einer Aufwärtsentwicklung ihrer Partei sprechen konnte, sind nun vorbei. Genosse Trend war viele Jahre lang ein zuverlässiger Verbündeter der oppositionellen SPD, aber dem sozialdemokratischen Regierungspartner in Bonn hilft er nicht mehr. Wie zuvor in Berlin, Rheinland-Pfalz und in bescheidenem Umfang in Schleswig-Holstein, mußte die SPD nun auch in Niedersachsen einen Rückschlag hinnehmen. Sie ging von 44,9 Prozent bei den letzten Landtagswahlen auf 43,1 Prozent zurück – und das, obwohl die Wahlbeteiligung niedriger lag, die Chancen der SPD also besser waren.

In Niedersachsen, in diesem – wie es Wehner ausdrückte – „für die SPD so schwierigen Bundesland“, war die Ausgangsposition für die CDU besonders günstig. Von vornherein war klar, daß der Union aus der Erbmasse der kleinen Parteien – Deutsche Partei und Gesamtdeutsche Partei erhielten 1963 zusammen noch 6,4 Prozent – der Löwenanteil zufallen würde. Insofern ist die Zunahme der CDU (von 37,7 auf 41,7 Prozent) nicht sensationell. Immerhin bleibt bemerkenswert, daß die CDU als Sammelpartei auftreten konnte. Dies wurde erst möglich, weil die Union in der Großen Koalition unter Kiesinger wieder Tritt gefaßt hat. Überdurchschnittliche Gewinne erzielte die CDU nach Analysen des Infas-Instituts in Godesberg in den protestantischagrarischen Gebieten; in den katholischen Gebieten war der Zuwachs relativ gering. Hier war die CDU freilich vorher schon stark.

Die Entwicklung der SPD ist etwas einheitlicher; aber auch bei ihr gibt es Abstufungen. Am wenigsten eingebüßt hat sie in den katholischen Gebieten, am stärksten in den Städten und in den Arbeiter-Regionen. Wohin die Wähler gegangen sind, ist nicht ohne weiteres zu erkennen. Einige mögen wieder zur CDU zurückgekehrt sein. Aber einzelne Wahlkreisergebnisse legen den Schluß nahe, daß liberale Protestwähler zur FDP und radikale Protestwähler zur NPD übergewechselt sind.

Die Freien Demokraten haben wiederum Stimmen verloren, sie rücken dem Fünf-Prozent-Minimum gefährlich nahe. Weit überdurchschnittlich waren ihre Verluste in einigen ländlichen Gebieten, wo sie früher festen Fuß gefaßt hatten. Dort sind die Wähler jetzt teils zur NPD, teils zur CDU abgewandert. In den Städten dagegen ist der Rückgang im allgemeinen gering. In einigen Orten, so in Braunschweig, hat die FDP sogar zugenommen.

Diese Entwicklung war schon bei früheren Landtagswahlen zu beobachten. Offenbar ist für die Liberalen in den Städten die FDP als Oppositionspartei wählbar geblieben oder sogar wählbar geworden. Die Konservativen und Supernationalen auf dem flachen Land dagegen finden die FDP, seit sie aufgehört hat, bürgerliche Regierungspartei zu sein, nicht mehr nach ihrem Geschmack. Seit die FDP einzige Bonner Oppositionspartei ist, hat sich ihre Wählerstruktur erheblich verändert.

Die NPD hat trotz ihrer Führungsquerelen die Fünf-Prozent-Hürde gemeistert. Das Kopf-an-Kopf-Rennen der großen Parteien gab es auch bei den kleinen – zwischen FDP und NPD. Die NPD war vor allem in den früheren Hochburgen der DRP stark, dagegen profitierte sie nur wenig vom Verschwinden der Deutschen Partei. Die weifisch-konservativen ehemaligen DP-Anhänger haben für die radikale Rechte nichts übrig.