Von Wolfram Siebeck

Es war einmal eine große Dornenhecke, die war über und über mit Rosen bedeckt, aber so dicht und undurchdringlich wie eine feste Mauer. Dahinter schlummerte ein Mädchen; sein Name war Dornröschen. Da es hieß, sie sei schon und eines Königs Tochter, versuchten viele junge Burschen, die Hecke zu durchdringen und die schlafende Prinzessin zu erwecken. Doch alle, die es wagten, blieben an den Dornen hangen und verdarben elendig.

Eines Tages aber, als hundert Jahre vergangen waren, kam ein junger Mann mit einer Motorsäge, damit schnitt er mühelos eine Gasse in die inzwischen morsch gewordene Heike. Von dem Lärm der Sage wurde Dornröschen wach und ängstigte sich sehr, denn als sie vor hundert Jahren in den Schlaf sank, lagen die Phonstärken der Arbeitsgeräte noch erheblich niedriger. Ihre Furcht wurde auch nicht geringer, als der Jüngling vor ihr auftauchte und sie zu küssen versuchte. Er ließ allerdings bald von seinem Vorhaben ab, als er merkte, wie zimperlich. sie war. Trotzdem beschloß er, sie zu heiraten, nicht weil’s der Brauch war, wie es später hieß, sondern es stach ihm die wahrungsbeständige Münzsammlung ihres Vaters in die Augen. Der war vom Lärm der Sage ebenfalls wach geworden.

Es schliefen überhaupt eine Menge Leute hinter der Hecke, die jetzt alle die Augen aufschlugen. Sie umringten neugierig den Jüngling, der seine Verlobung mit Dornröschen bekanntgab, und untersuchten interessiert seine Armbanduhr und die Sonnenbrille, die er trug.

Der Vater des Mädchens, der tatsächlich vor dem Einschlafen ein König gewesen war, hatte zunächst Bedenken gegen die nicht standesgemäße Verbindung; aber nachdem er sich von dem jungen Mann hatte überzeugen lassen, daß die Zeiten nicht mehr so waren wie vor hundert Jahren, und als er seine hundertfünfzehnjährige Tochter mit den Starphotos in der Illustrierten verglich, die der Jüngling ihm zeigte, gab er achselzuckend seine Einwilligung. Er mochte dabei auch an eine andere Schlafkünstlerin denken, Schneewittchen hieß sie, die zu seiner Regierungszeit öffentlich in einem Glassarg schlief und so das Volk von nah und fern anlockte und doch beinahe eine alte Jungfer geworden wäre, wenn nicht zu guter Letzt noch ein entfernter Verwandter des Königs (nicht gerade der hellste Kopf der Familie, aber immerhin ein Prinz) sie geheiratet hätte.

So schloß der König die beiden in die Arme und murmelte: „Werdet glücklich, meine Kinder!“

Die Ehe wurde bald darauf wieder geschieden.