Unser Kritiker sah:

DER MANTEL

Schauspiel von Jean Cosmos, nach Gogol

Stadttheater in Krefeld

Wie Arthur Adamov bei seiner Dramatisierung der „Toten Seelen“ von Gogol, so veränderte der jetzt vierundvierzigjährige Franzose Jean Cosmos die Perspektive, als er 1963 Gogols „Mantel“ in das Théâtre de l’Est Parisien brachte. Beide Adaptationen können es nicht mit der dramatischen Brisanz von Gogols eigener Meisterleistung für die Bühne, dem „Revisor“, aufnehmen.

Das Schauspiel von Cosmos bedient sich mit Effekt der Gogolschen Schilderung einer subalternen Beamtenschaft im zaristischen Rußland. In dem neuen Bühnenstück bildet diese arrogante, unsäglich dumme Hierarchie die makabre Staffage für eine einzige Gestalt: für den Titularrat siebenter Klasse Baschmatschkin. Er dient in den Büros einer Departementverwaltung als Schreiber, als Kopist. Er will nichts anderes sein und besinnt sich auf die ihm vorenthaltenen Gratifikationen erst, als er dringend einen neuen Mantel braucht. Kaum besitzt er ihn, da wird Baschmatschkin von Räubern überfallen und ausgezogen.

In dem Bühnenstück wird man theologische Kriterien Gogols – die Welt als Teufelswerk – vergeblich suchen. Ein Mensch als geschundene Kreatur steht im Mittelpunkt. Die Gesellschaft, so präzise sie in Gogols Novelle gezeichnet sein mag, wirkt hier auswechselbar. In der Schlußszene, wenn der tote Baschmatschkin als Gespenst den Lebenden die Mäntel auszieht, setzt Cosmos den Sinnakzent noch deutlicher moralisch als Gogol: „Werden Sie ein besserer Mensch.“