st./ho., Bonn

Die Wachmannschaften gerieten in Panikstimmung, als am zweiten Tag des Schah-Besuches eine Limousine zum Hotel Petersberg hinaufkurvte, die mit großen Kartons beladen war. Der Wagen wurde gestoppt, den Insassen – ein Fahrer und zwei Frauen – wurden die Ausweise und die Schachteln abgenommen. Erst nach 30 Minuten und direkter Intervention der Gattin des iranischen Botschafters durften die Besucher samt Fracht passieren: Die Hut-Modistin Else Dick, die Bonns weibliche Prominenz – darunter Luise Erhard und Wilhelmine Lübke – protokollgerecht behütet, und ihre Helferin.

Die Kartons waren inzwischen auf Plastikbomben, Gift und Pamphlete visitiert worden. Sie enthielten nichts anderes als eine Kollektion von Pillbox-Hütchen, die Kaiserin Farah Diba selber zur Ansicht bestellt hatte. Drei der modischen Kopfbedeckungen konnte Else Dick „zu ganz normalen Bonner Ladenpreisen“ bei Ihrer Majestät absetzen.

Nicht minder wachsam, aber weit robuster verfuhr die Polizei in Uniform und Zivil mit allen Bürgern, die sich absichtlich oder aus Versehen, aus Zufall, Neugier oder Protest in die Nähe des hohen Paares aus dem Iran gewagt hatten. Neun Tage lang demonstrierten über 10 000 Mann der Schutz-, Kriminal-, Landes- und Bereitschaftspolizei, dazu die Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes („Provinz-FBI“) in fünf Bundesländern ihre Schlagkraft.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Emde sorgte sich: „Im Hinblick auf die Notstandsgesetze, die uns noch bevorstehen, hatten die Polizeimaßnahmen etwas sehr Erschreckendes.“ Und ein CDU-Volksvertreter ergänzte beim Mittagessen im Bundeshaus: „Unsere Polizisten gehen eben wie eh und je ran, wenn nur ein Befugter die Kommandos gibt – ob es dann auf Radfahrer, Studenten, Journalisten oder auf alle Leute mit Bärten oder gelben Krawatten geht, ist egal.“

Das Polizei-Register der Schutzmaßnahmen glich einer Einsatzbilanz im Bürgerkrieg. Am Morgen des zweiten Sicherungstages drangen Beamte des 14. (politischen) Kommissariats: der Bonner Kripo ohne Haussuchungsbefehl in das Studentenheim „Tillmannhaus“ ein und durchsuchten das Zimmer des Stellvertretenden Vorsitzenden des SDH (Sozialdemokratischer Hochschulbund). Der Senior des Studentenheims wies die Polizisten hinaus, der Bonner Polizei-Vizepräsident Wend rechtfertigte ihren Auftritt mit „Gefahr im Verzuge“. Aber niemand vermöchte sie zu erkennen. Nachts zuvor hatten SDH-Mitglieder fingierte Steckbriefe geklebt, die den Herrscher des Iran des Hochverrats, der Ausplünderung und der Kollaboration mit ausländischen Geheimdiensten bezichtigten. Ein beflissener Taxifahrer hatte die Polizei alarmiert, die acht Studenten, darunter zwei Mädchen, bis zum anderen Vormittag in Haftzellen steckte.

Mehrere Iraner in Bonn entdeckten, daß während ihrer Abwesenheit ihre Zimmer vor und beim Schah-Besuch durchsucht worden waren. Eine Zimmerwirtin war von der Polizei sogar ersucht worden, die Ankunfts- und Ausgehzeiten ihres ausländischen Untermieters anzugeben. Drei persische und 58 deutsche Studenten wurdenvorübergehend festgenommen, weil sie vor dem Ehrenmal im Bonner Hofgarten, wo alle Staatsgäste ihre Kränze ablegen, ungenehmigt demonstrieren wollten.