Kunstflugfähig soll der „Flamingo“ in die Marktlücke einfliegen, die seine Schöpfer ihm angepeilt haben. Der erste Prototyp des dreisitzigen Schul-, Sport- und Reiseflugzeuges SIAT 223 der Siebelwerke ATG, Donauwörth, ist in der Flugerprobung, drei weitere sind im Bau. Lufthansa und Swissair werden je einen davon für eine spezielle Erprobung erhalten, die Fluggesellschaften erteilten bereits Optionen auf Flugzeuge aus dem inzwischen angelaufenen Serienbau.

Die SIAT 223 „Flamingo“ steht am (vorläufigen) Ende einer Entwicklung von fast 30 Jahren. Sie begann im damaligen Siebelwerk in Halle mit der Si 202 „Hummel“ einem Schulflugzeug für 9000 Reichsmark. Ende der 50er Jahre sollte die SIAT 222 das Werk vollenden, doch mit dem Prototyp stürzte Kunstflugmeister Albert Falderbaum in der Flugerprobung ab. In einem Wettbewerb der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt holte sich dann 1960 der Entwurf 223 den ersten Preis.

Erst 1964 wurde mit der Realisierung begonnen, denn bei den rund 2,4 Millionen Mark Entwicklungskosten brauchte Siebel staatliche Unterstützung. Das Bundeswirtschaftsministerium indessen glaubte die von Donauwörth erspähte Marktlücke durch die allgewaltige amerikanische Konkurrenz verstopft und half erst nach langem Zögern 60 Prozent der Kosten in Form eines „bedingt rückzahlbaren“ Kredites zu decken.

Der „Flamingo“ ist ein Ganzmetalltiefdecker mit starrem Bugradfahrwerk, kunstflugtauglich und für den Segelflugzeugschlepp geeignet. Mit seinem 200-PS-Motor schafft das Flugzeug eine Höchstgeschwindigkeit von über 260 Kilometer in der Stunde, für etwas bescheidenere Ansprüche ist der Einbau eines Triebwerks von 160 PS vorgesehen. Zur Debatte steht die Weiterentwicklung zum Viersitzer wie auch eine stärkere Version mit einer Propellerturbine.

Um die Entwicklungskosten wieder hereinzubringen, müßten im inzwischen angelaufenen Serienbau etwa 200 Flugzeuge gebaut werden. Der Preis des „Flamingo“ soll je nach Ausstattung bis zu rund 74 000 Mark betragen.

Auch vom Ufer des Lago Maggiore aus wurde die Marktlücke im Angebot moderner Schulflugzeuge entdeckt. Noch vor Ende des Jahres soll bei SIAI MARCHETTI, Sesto Calende, der Prototyp der S. 202 „Bravo“ zum Jungfernflug starteil. Auch die „Bravo“ ist kunstflugtauglich, hat aber nur zwei Sitze. Kurt Trettner