Von Jürgen Zimmer

Berlin, im Juni

Als der Wagen des Schah um 19.56 Uhr vor der Oper hält, sind die Demonstranten auf der gegenüberliegenden Seite der Bismarckstraße zwischen den Barrieren der Polizei und einem übermannshohen Bauzaun zusammengedrängt. In der Stunde zuvor hatten Polizisten die Demonstranten von Zaun und Bäumen geprügelt, Rauchkerzen in die Menge geschleudert, Studenten über die Barriere gezerrt, getreten und zusammengeschlagen; Demonstranten hatten Polizisten mit Steinen verletzt.

Zwischen 19.57 Uhr und 20.09 Uhr herrscht Aufbruchstimmung. Der Schah ist in der Oper, die Demonstranten beginnen seitlich in die Krumme Straße abzuwandern. Die Parole „Zehn Uhr wiederkommen“ wird durchgegeben. Die Bismarckstraße gleicht einem Heerlager der Polizei. Vor den Barrieren formieren sich in gestaffelten Reihen Polizisten, die ihre Gummiknüppel schlagbereit in der Hand halten. Auf dem Mittelstreifen der Straße fahren Krankenwagen vor.

Um 20.09 Uhr beginnt ein Massaker. Hat der Berliner Polizeipräsident Dünsing es vorausgeplant, als er für den abendlichen Einsatz den Befehl erteilte, die Straße freizuprügeln, sowie der Schah die Oper betreten habe? Ohne Ankündigung des Polizeilautsprechers, ohne Warnung durch die Polizisten, ohne akuten Anlaß prügeln Stoßtrupps auf die Demonstranten ein. In der Mitte entsteht für kurze Zeit ein Kessel. Als die Polizisten über die Barrieren prügeln, schreit ein Demonstrant „hinsetzen“, aber die Polizisten schlagen auf die Sitzenden ein. Einige versuchen hochzukommen, lassen sich wieder fallen. Mädchen bitten: „Nicht schlagen“, aber die Polizisten schlagen mit äußerster Kraft, schlagen auf Ohnmächtige, auf Liegende, auf Studenten, die ihren zusammengebrochenen Kommilitonen helfen wollen.

Ulrike Krüger, Philosophiestudentin aus Kassel, gehört zu den ersten Opfern. Mehrere Polizisten dreschen auf sie ein. „Die hatten verzerrte, entfesselte Gesichter“, sagte sie später. „Die wußten doch, daß ich weglaufen wollte, und sie haben trotzdem geknüppelt.“ Ich finde sie auf einer Wiese an der Krummen Straße, sie windet sich in Krämpfen, ihr Gesicht ist blutüberströmt, die Kleider sind verschmutzt. Später diagnostizieren sie im Westend-Krankenhaus eine Nierenprellung. Dort fallen auch Äußerungen wie diese: „Die dreckigen Studentinnen. Denen braucht man nur unter die Röcke zu sehen.“ Als Ulrike Krüger am nächsten Tag starke spastische Schmerzen bekommt und der ärztliche Notfalldienst gerufen wird, weigert sich der Bereitschaftsarzt: „Wenn das mit der Prügelei zu tun hat, kann ich aus juristischen Gründen nicht kommen.“

Die Wienerin Elfriede Rosenstrauch steht vorn an der Barriere, als die Polizisten stürmen. Sie läßt sich fallen und schützt sich mit den Armen, „weil ich dachte, daß sie mich dann nicht schlagen“. Sie wird von drei Polizisten verprügelt und versucht sich zu retten: „Ich bin einigermaßen heulend gerannt, ich wußte nicht wohin, überall schlugen Polizisten.“