Von Joachim Schwelien

Washington, im Juni

Am Tag des Kriegsausbruchs, in Nahost heulte morgens um vier Uhr dreißig im Washingtoner Vorort Alexandria eine Luftschutzsirene auf. Ihr Ton riß viele Einwohner aus dem Schlaf. Zwei Dutzend Regierungsbeamte stürzten ans Telephon, um sich bei ihren Dienststellen zu erkündigen, ob die Vereinigten Staaten angegriffen würden. Die beruhigende Auskunft, durch einen technischen Defekt sei ein falscher Alarm ausgelöst worden, schickte sie wieder in ihre Betten zurück. Am Frühstückstisch aber rüttelte sie dann die Nachricht auf, daß doch Krieg sei: zwischen Israel und den Araberstaaten.

Im Weißen Haus wurde Präsident Lyndon Johnson um die gleiche Zeit geweckt, als die Sirene in Alexandria bei Washington sich selbständig betätigte. Drei Stunden darauf gaben ihm die Minister Rusk und McNamara einen ersten Lagebericht. Gemeinsam mit dem Direktor der CIA, Richard Helms, informierten sie anschließend die Kongreßführer. Der Sprecher des Weißen Hauses gab eine offizielle Erklärung heraus, mit der sich die amerikanische Regierung soweit wie eben möglich von den kriegführenden Parteien distanzierte, aber auch von den tragischen Folgen sprach, die eintreten müßten, falls die Kampfhandlungen nicht sofort eingestellt würden.

Dieser ersten Stellungnahme folgte ein offizieller Kommentar des State-Department-Sprechers Robert McCloskey, die Vereinigten Staaten seien im Nahost-Konflikt in Gedanken, Worten und Taten neutral. Alsbald jedoch ließ das Weiße Haus richtigstellen: Amerika nehme zwar keine Partei, sei aber in der Auseinandersetzung nicht gleichgültig – not indifferent.

Das Hin und Her der Sprecher enthüllte schonungslos, daß an diesem Tage in Washington mehr zusammengebrochen war als bloß eine Luftschutzsirene – nämlich die ganze Apparatur zur Krisenmeisterung, das vielbemühte Crisis Management. In der Nahost-Krise hat diese Apparatur elementar versagt. Der Ausbruch des Krieges bedeutet für Johnson und die Regierung einen schweren Rückschlag und einen ernsten Prestigeverlust. Noch am Samstag hatte der Präsident auf demokratischen Parteiversammlungen in New York beteuert, er arbeite Tag und Nacht daran, den Frieden im Nahen Osten zu erhalten. Am Montagmorgen wurde deutlich, daß er mit seinem vorsichtigen Lavieren und Temporisieren nichts auszurichten vermocht hatte. Die Ereignisse diktierten von da an das Verhalten Amerikas, nicht mehr die freie Entscheidung seiner Führer.

Gewiß wird von ihnen wohl zu Unrecht erwartet, daß sie überall auf der Erde die Zügel in der Hand halten und das Geschehen bestimmen. Allerdings: Die Prämissen ihrer auf Zeitgewinn gerichteten Taktik stimmten von Anfang an nicht. Es fehlten alle Voraussetzungen für jene Politik, die Washington in der Krise zu treiben versuchte.