Am 11. Mai traf der Brief des Ostberliner Ministerpräsidenten Stoph in Bonn ein. Er wurde angenommen, was für Bonn ein Novum war, aber wann er beantwortet wird, ist auch jetzt, nach vier Wochen, noch nicht abzusehen.

Zuerst diskutierten die Koalitionspartner darüber, ob der Brief überhaupt beantwortet werden sollte, dann ging es um die Frage, welche Form die Antwort haben sollte. Als sich schließlich nach langen Erörterungen die Meinung durchsetzte, Bundeskanzler Kiesinger sollte direkt antworten, stellte sich plötzlich heraus, daß die politische Situation für neue Schritte in der Deutschland-Politik ungünstig ist: Der Krieg im Nahen Osten war ausgebrochen.

Man muß Kiesinger vorwerfen, daß er sich lange, zu lange Zeit ließ, um sich zu entscheiden. Er zögerte – sei es, weil er sich selbst noch nicht im klaren war, sei es, weil er sich gegenüber den „Harten“ in seiner Partei nicht so schnell durchsetzen konnte. Aber der günstigste Augenblick zur Antwort ist gewiß längst verpaßt. R. Z.