• „Auktion Alte und Moderne Kunst“(Bern, Kornfeld und Klipstein): 1700 Nummern werden in der Modernen Abteilung (Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts) vom 14. bis zum 17. Juni versteigert. Allein die Picasso-Kollektion umfaßt 200 Objekte, darunter ein kleines Ölbild aus der Blauen Periode („La Vieille“, Schätzpreis 75 000 Fr.) und vier Tuschzeichnungen, die Graphik beginnt mit „Le Repas frugal“ (mit 25 000 Fr. noch etwas über den bisherigen Preisen geschätzt), am wichtigsten die komplette Folge der dreißig Illustrationen zu den Metamorphosen (50 000 Fr.). Die Spitzenposition in der Graphik hält Munch, der mit 90 Blättern vertreten ist, am wertvollsten (wenn auch nicht am schönsten) „Madonna – Liebendes Weib“ von 1895. Auf der Rückseite des Blattes die alte Preisnotiz: 65,– Mark, heutiger Schätzwert 70 000 Fr. – wie sich die Zeiten ändern. Weitere Hauptblätter: „Weibliche Figur – Die Sünde“ (ebenfalls 70 000 Fr.), „Frauen am Meeresufer“, „Eifersucht“. Auch James Ensor ist heute hoch favorisiert. Außer einem Ölbild von 1913 werden 19 Farbstiftzeichnungen zu seinem einzigen Bühnenwerk, dem Ballett „La Gamme d’Amour“, für 60 000 Fr. angeboten. Von Odilon Redon steht die komplette Mappe mit den 24 Lithos zu „La Tentation de Saint-Antoine“ von Flaubert zum Verkauf. Ein Liebhaberobjekt der Spitzenklasse: ein Aquarell von van Gogh, Bäuerinnen bei der Feldarbeit. Bei der Plastik Gauguin (mit dem Selbstporträt als Bronzerelief), Bourdelle, Picasso, Arp, Calder, Moore (Wallrelief Nr. 1). Vor der Modernen Kunst, am 14. Juni vormittags, Graphik und Handzeichnungen Alter Meister mit wichtigen Blättern von Schongauer, Altdorfer, Dürer und Rembrandt.

• „Max Ernst“ (Worpswede, Kunsthalle Friedrich Netzel): Max Ernst in Worpswede, zwischen Moor und Birke, das ist wie eine vom Meister erdachte surrealistische Collage, absurd wie die auf dem Dach plazierte Nähmaschine, wie die im Pariser Restaurant speisenden nackten Titanen. Man kann das Ereignis auch anders interpretieren. Der französische Botschafter erinnerte an die Mittlerrolle Worpswedes zwischen Deutschland und Frankreich, schon die Modersohn reiste nach Paris. Man könnte an Richard Oelze denken, der von Paris nach Worpswede übersiedelte und das norddeutsche Dorfidyll in eine surrealistische Bastion verwandelte.

Die Worpsweder Kunsthalle dokumentiert bis zum 9. Juli in systematischer Breite und chronologischer Ordnung das graphische Oeuvre von 1919 bis 1967. Das Schwergewicht liegt mit fünfzig Objekten bei den Mappen und Büchern, Max Ernst ist einer der produktivsten Büchermacher des Jahrhunderts. Das früheste Opus ist das Album „Fiat Modes, Pereat Ars“, das 1919 auf Kosten der Stadt Köln publiziert wurde: des Künstlers Reaktion auf die metaphysischen Bilder de Chiricos, Variationen über die Gliederpuppe aus dem Schaufenster und dem „Schneider-Journal“ (schon wieder, früher als bei Bellmer und Schlemmer, die Puppe, eine wissenschaftliche Untersuchung über ihre Funktion in der Bildnerei des 20. Jahrhunderts wäre Doktoranden anzuraten). 1922 beginnen mit den „Répetitions“, Illustrationen zu Gedichten von Paul Eluard, die Collagen-Bücher. Das Hauptwerk, „La Femme 100 Tetes“, wird in der ersten deutschen Ausgabe (1962 im Gerhardt Verlag, Berlin) vorgeführt, die französische Ausgabe ist 1929 erschienen, ebenso „Die weiße Woche“ von 1934 (1963). Als Illustrator bleibt Max Ernst keineswegs im Bereich surrealistischer Literatur. Auf der Autorenliste findet man in den letzten Jahren Hölderlin, Lewis Caroll und Beckett. Schließlich das Werk, das ich für das schönste unter allen Max-Ernst-Büchern halte: „Maximiiiana“ von 1964 („Die illegale Ausübung der Astronomie“), in der Originalmappe und den 24 Probedrucken der Radierungen sowie den Originalen der Schriftseiten. Unter den 25 Einzelblättern dominieren die Arbeiten aus den sechziger Jahren, darunter „Der blaue Wald“, „Der gelbe Mond“, „Frühling des Himmels“. Gottfried Sello

„Constant – Von Cobra bis New Babylon“ (München, Galerie Heseler): Aus dem Saulus der Maximilianstraße ist ein Paulus der Residenzstraße geworden: Der Galerist Heseler, der in seiner ersten Galerie die „Hotelbildmalerei“ vertrat (und vertritt), hat in seiner zweiten Galerie Künstler der Moderne vorgeführt. Constant, Holländer (Jahrgang 1920), Cardazzo-Preisträger bei der letzten Biennale in Venedig, ist in München vorwiegend als Maler, Grafiker und Plastiker präsentiert. Von den Bildern der Cobra-Zeit (1949–1951) mag kaum ein direkter Weg zu seinen Architekturmodellen führen, Constant selbst verneint sogar jeden Zusammenhang. Eher haben seine Plastiken Modellcharakter einer zukünftigen Architektur: Drahtkonstruktionen im Oval, mit eingesetzten oder die Plastik umfassenden Plexiglasscheiben. Sie sind auf der Ausstellung gut vertreten. Parallel mit seinen Raumkonstruktionen ab 1953 entwickelte Constant seine Vorschläge für „Neu Babylon“ als dem „experimentellen Denk- und Spielmodell um eine neue, andersartige Kultur vorzubereiten. Bei diesem Projekt handelt es sich um Gerüstbauten, die sich etwa 16 Meter vom Erdboden abheben, wobei der Grund für den motorisierten Verkehr, die Landwirtschaft, natürliche und künstliche Landschaften benutzt wird. Die Bauten sind in verschiedene Sektoren unterteilt, je 5 bis 10 Hektar groß, die ein kompliziertes, netzartiges Muster entstehen lassen. Das Innere der Sektoren enthält riesige Gesellschaftsräume, Wohnräume, die durch variable Elemente unterteilt werden, Räume, die mehr Wohnhotels als der Form der permanenten Wohnung vergleichbar sind. Der Mensch, der homo ludens dieser Stadt, befreit aus der Arbeit, ganz seinem schöpferischen Spiel lebend, dem Abenteuer, wird zu einem Nomaden, die Umwelt, die ihm Constant entwirft, ist auf seine dynamische Lebensweise abgestimmt.Verwunderlich, daß sich die Amsterdamer Provos ausdrücklich auf Constants Vorschläge berufen haben?

Mißt man die Ausstellung an ihrem Titel, so fehlen vor allem die Modelle für „Neu Babylon“, die unabkömmlich waren, die man aber vielleicht durch Großphotos hätte ersetzen können. Dem Betrachter, der mit ihnen unvertraut ist, wird von dem Architekten Constant, von seinem urbanistischen Konzept in der Ausstellung zu wenig geboten, um sich ein selbständiges Urteil zu bilden. Eine, offensichtlich beabsichtigte, „Verunklarung“ teilt er mit anderen Künstlern seiner Cobra-Zeit, etwa mit Jörn. Bemerkenswert aber ist, wie sehr sein Werk in den letzten Jahren an Utopie verloren hat, was, unter anderem, die Expo ’67 belegt. Jürgen Claus