Von Manfred Triesch

Dem Rowohlt Verlag ist für seine Hartnäckigkeit zu danken. Seit dem Jahre 1948 bemüht er sich, einen der damals schon fast klassischen amerikanischen Humoristen in Deutschland bekannt zu machen. James Thurber in eine andere Sprache zu übertragen, ist eine heikle Sache. Sie erfordert Nachdichtung und Neudichtung. Der Grad der Annäherung allein kann Maßstab des Gelingens sein.

Thurbers Humor ist kritisch. Die Gegenstände seiner Kritik sind typische Erscheinungsformen des amerikanischen Lebens. Das hervorragendste Medium, das Thurber sich zu seiner Kritik an der amerikanischen Gesellschaft gewählt hat, ist die Fabel.

In Deutschland kennen wir die Fabeln, die James Thurber 1943 in dem Sammelband „Fables for our Time“ herausbrachte, nachdem sie vorher nach und nach im New Yorker erschienen waren. Es dauerte mehrere Jahre, bis man sich in der Redaktion jener Zeitschrift überhaupt entschloß, eines dieser Stücke anzunehmen. Thurbers Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Auch die des Rowohlt Verlags, der die Fabeln in verschiedenen Kombinationen über die Jahre hin mehrfach drucken ließ. 1948 fing man auf schlechtem Papier hoffnungsvoll an mit zehntausend Exemplaren, 1950 war man mit fünftausend für den Anfang bescheidener. Jetzt sind auch die 1956 in Amerika zusammengefaßten „Further Fables for our Time“ in die neueste Fabelsammlung einbezogen. Das Vertrauen in Thurber und die deutschen Leser ist gestiegen, man beginnt mit einer Auflage von fünfundzwanzigtausend Stück –

James Thurber: „75 Fabeln für Zeitgenossen“, aus dem Amerikanischen von Ulla Hengst, Hans Reisiger und H. M. Ledig-Rowohlt; Rowohlt Verlag, Reinbek; 208 S. mit 62 Zeichnungen des Autors, 7,80 DM.

Für dieses Vertrauen gibt es Gründe: Thurber wird inzwischen an Schulen ausprobiert, die Fabeln gibt es als Text für Volkshochschulen, mit Erläuterungen. Thurber kommt auch in Deutschland unters Volk.

Das Volk hat seine helle Freude und seine liebe Not mit James Thurber. Not, weil Thurber sich unserer Schulbildung bedient, sich unversehens der Überbleibsel La Fontainescher Einpaukfabeln bemächtigt, auf Bekanntes spekuliert, um uns gleich darauf zu zeigen, daß er es anders meint. Thurbers Rabe denkt nicht im Traum daran, auf den Fuchs hereinzufallen. Dazu ist er zu belesen. Auch das Schicksal des Wolfs ist moderner: Rotkäppchen verhält sich ganz unkonventionell, als es sich keinen Augenblick lang darüber täuscht, wer da im Bett der Großmutter liegt, einen Browning aus dem Körbchen zieht und den Wolf erschießt. (Moral: „Es ist heutzutage nicht mehr so leicht wie ehedem, kleinen Mädchen etwas vorzumachen.“)