Berlin

Wenn Richard Menzel ein Ofen wäre, dann wäre er ein Allesbrenner: Er schluckt einfach alles. In der Berliner Kochstraße Ecke Charlottenstraße, im touristisch-attraktiven Bereich des Checkpoint Charlie, wo die städtische Trauerlandschaft nur durch die Photopausen der Autobusgesellschaften, Wurstkioske und eingeschossige „Bier-Treffs“ belebt wird, residiert seit Anfang Juni ein deutsches, wenn nicht europäisches Kuriosum. In einer Hütte von leichter Wochenendsommerbauweise, an deren First die demagogischen Worte „Wissen ist Macht“ geschrieben stehen, bittet Richard Menzel die Menschen zur Machtübernahme.

Den ehemaligen Zeitungshändler hatte es sein ganzes 71 jähriges Leben hindurch gedrängt, Alltags- und Sonntagsprobleme mit gesundem Verstand zu lösen. Und obwohl ihn seine Frau davor warnte, aus dieser Leidenschaft ein Gewerbe zu machen – „Ich bin Phantast, und Mutti ist mehr sachlich“ –, gab Menzel seinen Träumen feste Umrisse. Er ging zum Gewerbeamt, schilderte sein Vorhaben, in allen Lebenslagen Rat zu geben, und wurde dort, wo man für diese Branche noch keinen Namen hatte, als Auskunfteibesitzer eingetragen. Beispiele menschlicher Unbill, mit der er zu Rande zu kommen fähig ist, sind in den zwei Aushängekästen vor seiner Hütte angepinnt: „In Eurer Ehe stimmt was nicht, Frau Erna oder Ingeburg, was machst Du da bloß falsch? ‚Wissen ist Macht‘ hilft Dir beim Geradebiegen.“ Oder: „Keiner wird, so er guten Willens ist, als derselbe herauskommen, als der er hineingegangen ist zu ‚Wissen ist Macht‘.“

Menzels Geständnis, in Versen sei er ein Dilettant, wird durch das Raffinement seiner Geschäftsmethoden ausgeglichen. Der Instinkt-Psychologe, der „Tausende von Menschen in der Klemme“ erlebte, bemißt seine Audienzen mit einem Küchenwecker. Eine Minute Beichtabnahme und offenes Ohr für die Wehklage kostet je nach Schwere des Falles zwischen zehn Pfennig und einer Mark. „Und wenn ein Gespräch ins Uferlose zu gehen droht, zeige ich auf die fortschreitende Uhr.“ Aus medizinischen und Rechtsfragen hält sich der in einem rollenden Drehstuhl sitzende Ratgeber heraus. Er sagt: „Gehen Sie zum Arzt“, oder: „Gehen Sie zum Rechtsanwalt.“

Doch dazwischen spannt sich die weite Ebene seiner Erfahrung: Von der Reibung im Brautstand über die Windstille in der Karriere bis zur Gestraucheltenbehandlung. Wenn es eine Dame ist, gibt es einen Likör zum Zungelösen; kommt ein Herr, dann gibt’s mal einen Harten zum Verscheuchen der Hemmung. Sollte die Bewirtung ausbleiben, dann war Menzel die Sorge nicht schwer genug, dann dünkte ihn das Anliegen so unbescheiden wie diese Anfrage: „Geben Sie mir einen Lottotip.“

Menzels Spezialität ist das aufrechte Wort von Mensch zu Mensch, die Reinigung des Familienklimas, die Wochenendlangeweile, die Untreue des Gatten. „Gesellschaftsspiele statt Fernsehen“ lautet seine Lieblingstherapie. Es gebe so viele Zerstreuungen, sagt er, mit denen sich gelockerte Bande wieder knüpfen ließen. Dem Seitensprung ihres Partners könne die Frau mit überraschenden Zärtlichkeiten begegnen, mit der Anteilnahme an seiner Arbeit oder mit dem lockenden Vorschlag: „Komm, wir bleiben zu Haus und machen mal ein Spielchen.“

Umsatzschwache Tage überbrückt Richard Menzel mit sogenannten Problem-Manövern. Er stellt sich Fälle vor, die eintreten könnten, und studiert, wie sie auszuräumen seien. So stellte er jetzt ein Zehn-Punkte-Programm für Brautleute auf: „Für fünf Mark können die beiden zu mir kommen. Ich lege ihnen einen roten Teppich aus, halte eine kleine Ansprache und gebe ihnen meine zehn Punkte für die Ehe mit auf den Weg.“ Für Kunden, die wiederkommen, gibt es zehn Prozent Rabatt. Richard Menzel, der Lebensweise in dem Bretterhäuschen, glaubt fest an die Zukunft seines seltsamen Gewerbes: „Für den Winter lasse ich eine Elektroheizung legen.“ Marie-Luise Scherer