Wir haben uns bisher sehr reserviert verhalten, aber jetzt zwingen uns die unqualifizierten Attacken, unsere Zurückhaltung aufzugeben ...“ erklärte das Vorstandsmitglied der Dresdner Bank AG Werner Krueger letzte Woche in einer ad hoc einberufenen Pressekonferenz, gerade noch rechtzeitig, um möglichst effektvoll zu beweisen, daß der Schwarze Peter im Spiel um das Schicksal der Gelsenkirchener Bergwerks-AG nicht auf dem Tisch der Bank liegt. Aber in dem Hexenkessel der aufbrodelnden Gerüchte, Unterstellungen, Spekulationen wurde erstmals der Bodensatz sichtbar.

Während man in dem konservativ-altmodischen Hauptquartier des großen Ruhrkonzerns in der Essener Rosastraße noch immer glaubte, demnächst im sichern Port eines genehmen Großaktionärs zu landen, wurde in Bonn und in Düsseldorf bereits verkündet, daß es damit zunächst nichts wird. Die Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und den beiden Großbanken, Dresdner und Deutsche Bank, über eine Veräußerung von GBAG-Aktien an den Bund werden zunächst nicht fortgesetzt, weil es in einer „von Emotionen geladenen Atmosphäre“ keinen Sinn habe, über sachlich abgeklärte Lösungen zu verhandeln.

Tatsächlich schien das Geschäft schon in greifbare Nähe gerückt. Der Bundesschatzminister hatte die Banken im Namen der Bundesregierung um ein Verkaufsangebot gebeten. An den Verhandlungstisch kamen Hermann Josef Abs, der Senior der Deutschen Bank mit 8 Prozent und Dresdner Bank-Vorstand Krueger mit stolzen 30 Prozent des Aktienkapitals der Essener Gesellschaft, die zu den größten Industriekonzernen der Bundesrepublik zählt.

Beide Banken waren bereit, sich von ihren Gelsenberg-Paketen zu trennen, die zusammen einen Nominalwert von knapp 185 Millionen Mark (das GBAG-Kapital beträgt 485 Millionen) darstellen. Die Motive waren betont edel und gut: Sie wollten nicht abseits stehen, wenn der Bund mit Hilfe eines namhaften Einflusses bei Deutschlands Zechengesellschaft Nummer eins, die zugleich das größte und einzige deutsche vollintegrierte Mineralölunternehmen ist, eine neue Ordnung auf dem Energiemarkt einführen und sicherstellen wollte, daß „die GBAG von einer Überfremdung bewahrt und als deutsches Energie-Unternehmen erhalten bleibt“.

„Wir wollten unser Paket zum Gegenstand einer vernünftigen industriepolitischen Konzeption machen“, heißt es in der eleganten Sprache der Bankenbosse. Aber Bundesminister Schmücker mußte wohl oder übel die Verkaufsbereitschaft bremsen. Er sah eine voluminöse finanzielle Transaktion auf sich und den öffentlichen Haushalt zukommen und – winkte ab.

Das Projekt mußte billiger werden. Schließlich einigte man sich darauf, das vorgesehene Engagement der Bundesregierung auf eine Schachtelbeteiligung, also auf 26 Prozent des Aktienkapitals zu beschränken, die Schmücker zu einem ungefähr auf der Mitte beider Wünsche liegenden Kurs von 191 Punkten erwerben wollte. Bankier Abs schied aus dem Rennen; er war bereit, weiterhin mit 80 000 anderen das Schicksal eines GBAG-Aktionärs teilen, eine Rolle, die übrigens auch der Dresdner Bank mit ihren restlichen Gelsenberg-Papieren vorbehalten war.

Doch kaum war der Kommissionär des Düsseldorfer Geldinstituts von dem letzten Gespräch in Bonn an seinen Schreibtisch zurückgekehrt, klingelte sein Telephon. Minister Schmücker bat um drei Tage Bedenkzeit. Als diese abgelaufen war, war auch der Unterschlupf der GBAG im Bundesvermögen zunächst passé.