Von Wolfgang Müller-Haeseler

In fünf Tagen, am 21. Juni, hoffen die Farbwerke Hoechst der neue Besitzer der Hamburger Reichhold Chemie AG zu sein. Bis zu diesem Termin haben die Aktionäre des Hamburger Unternehmens Gelegenheit, sich zu überlegen, ob sie für eine 100-Mark-Aktie der Reichhold Chemie AG eine 50-Mark-Aktie der Farbwerke Hoechst und zusätzlich 75 Mark in bar eintauschen wollen. Ursprünglich sollte die Frist am 14. Juni ablaufen – doch dann kam ein Querschuß aus White Plains, dem Sitz der amerikanischen Reichhold Chemicals, Inc. (RCI). Eine Fristverlängerung wurde notwendig.

Angefangen hatte es auf der Hauptversammlung des Hamburger Unternehmens im Mai dieses Jahres. Nach der Bekanntgabe des Umtauschangebots aus Frankfurt stand plötzlich ein bis dahin bei Reichhold unbekannter Rechtsanwalt auf, um der Verwaltung mit gezielten Fragen zuzusetzen. An der Börse war bereits vorher von einer Anlehnung der Reichhold Chemie AG an einen größeren Partner gemunkelt worden, so daß das Hoechster Angebot keine sonderliche Sensation zu sein schien. Jetzt aber meldete sich über den Rechtsanwalt Dr. Hans Labin plötzlich Henry H. Reichhold aus Amerika zu Wort.

Henry H. Reichhold, Chairman der RCI und ehemals Aufsichtsratsvorsitzender des Hamburger Unternehmens, begehrte zu wissen, ob dem amerikanischen Unternehmen – durch technische Zusammenarbeit und Lizenzverträge mit Hamburg verknüpft – von dem Umtauschangebot Kenntnis gegeben worden sei. Der Vorstand mußte verneinen, denn schließlich hatte RCI noch im März verbindlich erklärt, sie sei an einer Übernahme nicht interessiert.

Dennoch kam 14 Tage nach der Hamburger Hauptversammlung aus White Plains die erstaunliche Kunde, daß ein Gegenangebot unterbreitet werden solle, das den Aktionären statt der 275 Mark, auf die das Hoechster Angebot herausläuft, 300 bis 325 Mark je Aktie bieten werde. Die Londoner Times wollte sogar etwas von 350 Mark wissen.

Zum erstenmal in der jüngsten Geschichte der deutschen Chemie schien sich damit ein Kampf um ein Unternehmen anzubahnen. Niemand weiß bis heute, wie sich die Aktionäre entscheiden werden. In jedem Fall aber wird die Reichhold Chemie AG ihre Selbständigkeit verlieren; die Fusion wird ein weiteres Glied in der Kette der Kapitalverflechtungen und Beteiligungen der deutschen chemischen Industrie sein.

Es gibt heute fast kein kleines oder mittleres Chemieunternehmen mehr, um das sich an den Börsen nicht Übernahmegerüchte ranken, seien es nun die großen Brocken wie die Chemischen Werke Hüls oder die Chemie-Verwaltung, seien es kleinere Unternehmen wie die Frankfurter Rütgerswerke, die Goldschmidt AG in Essen oder eben die Reichhold Chemie AG.