Von Theo Sommer

Israel hat den Waffengang mit den Arabern gewonnen. Sein Sieg war überwältigend. Aber hat er den Frieden wirklich nähergebracht – nicht nur den Schmalspurfrieden eines neuen Waffenstillstandes, der in abermals zehn Jahren abermals bricht, sondern den großen, dauerhaften Ausgleich zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn?

Dem nüchternen Blick bietet das nahöstliche Schlachtfeld in dieser Hinsicht wenig Ermutigung. Der große Friede könnte nun, da Israel zum drittenmal in zwanzig Jahren sein Daseinsrecht behauptet hat, auf zweierlei Weise zustande kommen: durch direkte Absprachen zwischen den Gegnern oder durch einen gemeinsamen Octroi Amerikas und Rußlands. Für beides jedoch, für die Aussöhnung der feindlichen semitischen Brüder wie für ein vernünftiges Großmächte-Diktat, sind die Aussichten derzeit düster. Die Großmächte haben im Nahen Osten nur Klienten, keine Satelliten; ihr Einfluß ist auf beiden Seiten geschwunden. Abgesehen davon, ist die Sowjetunion nicht in der Stimmung, unparteiisch um eine Regelung bemüht zu sein. Sie ist in der Krise einer Konfrontation mit Amerika aus dem Wege gegangen. Aber jetzt ist sie wieder Partei: verspricht den Arabern Unterstützung, macht ihnen Hoffnung auf neue Waffenlieferungen, steift ihnen diplomatisch den Rücken. Die unmittelbaren Kriegsgegner jedoch denken derzeit an alles andere als an eine Vernunftsregelung.

Bei den Arabern sitzt der Stachel der Niederlage sehr tief. Sie fühlen sich gedemütigt. Wohl ließe sich argumentieren, daß diese dritte Katastrophe sie endlich zur Einsicht bringen müßte, zur Hinnahme Israels und zur Zusammenarbeit mit ihm. Aus Schaden klug zu werden, ist schließlich keine Schande, zumal wenn der Schaden selbst-verursacht ist. Wir Deutschen haben nach 1945 gezeigt, daß dies möglich ist: die Niederlage zum Born der Versöhnung werden zu lassen. Aber wir hatten keine andere Wahl; der Mangel an Alternativen kam unserer Einsicht nachdrücklich zu Hilfe. Die Tragödie ist, daß die Araber sich offenbar noch immer einbilden, sie hatten eine Alternative zum Ausgleich mit Israel – nämlich eine verbesserte Neuauflage der alten, auf Haß und Unversöhnlichkeit beruhenden Politik.

Wir wissen nicht, wie lange Nasser die schmachvolle Katastrophe politisch überleben wird. Er ist ein grandioser Drahtseilartist, der selbst schlimme Stürze geschicklich in seinen Akt einbaut. Auch dieses Mal hat er sich schnell gefangen; seine baraka – sein Charisma – scheint noch immer intakt zu sein. Man muß also weiterhin mit ihm rechnen. Und von möglichen Unruhen oder Umwälzungen in den anderen arabischen Hauptstädten sollte man sich keinen grundlegenden Wandel erhoffen. Es ist kein Verlaß darauf, daß in Kairo oder anderwärts neue Leute gemäßigteren Ideen anhängen würden.

Das Programm Gamal Abd el Nassers jedoch steht fest: Er will „die Folgen der Aggression beseitigen“. Dreierlei hat er angekündigt: die Isolierung Israels durch „Vernichtung des Imperialismus in der arabischen Welt“; die „Umstellung der arabischen Interessen in den Dienst der arabischen Ansprüche“; schließlich das Bemühen darum, daß „die ganze arabische Nation mit einer Stimme“ spricht. So vage diese Formulierungen klingen, so ominös sind die Ziele, die sich dahinter verbergen. Punkt 1 richtet sich gegen die letzten westlichen Stützpunkte im Nahen und Mittleren Osten; Punkt 2 enthält mit den dazu gelieferten Erläuterungen eine klare Bedrohung der westlichen Wirtschaftsinteressen; Punkt 3 etabliert aufs neue den gesamtarabischen Führungsanspruch des Rais und ist wohl schon dessen erste Antwort auf das israelische Verlangen nach Einzelverhandlungen mit den besiegten Nachbarstaaten.

Mäßigung läßt dieses Programm nicht erwarten. Nasser verlängert notgedrungen die zeitliche Perspektive des Kampfes gegen Israel, doch er gibt nicht auf. Er wähnt die Zeit auf seiner Seite und spekuliert, daß sie eines Tages das Gewicht der größeren Zahl – 100 Millionen Araber gegen 2,7 Millionen Israelis – zur Geltung bringen wird. Es muß ihn drängen, die ägyptischen Waffenarsenale wieder aufzufüllen, zumal die Hangars seiner zerstörten Luftwaffe; zugleich wird er die Raketenforschung in seinem Lande vorantreiben wollen. Und es wäre höchst verwunderlich, wenn er nicht die Absicht hegte, in der nächsten Runde selber jene Taktik anzuwenden, die ihm die Israelis jetzt zum zweitenmal so brillant vorexerziert haben: den verkrüppelnden Präventivschlag.