Von Hilke Schlager

Am Straßenrand stand ein Mann mit einem Plakat, auf dem zu lesen war, daß er gegen die Demonstration sei, die er da sehe. Der Mann sagte damit etwas, das viele, die auch am Straßenrand standen, dachten: weil sie es für überflüssig hielten, daß achttausend Studenten zwei Stunden lang den Verkehr aufhielten, Steuergelder „verplemperten“ und „spazierengingen“. Ein Ordner und ein Polizist baten den Mann, das Plakat wegzustellen.

Daß es unlogisch sei und ungerecht dazu, für die freie Meinungsäußerung zu demonstrieren, wenn damit nur die eigene gemeint sei, darüber gab es eine heftige Debatte unter den Studenten, die den kleinen Vorfall gesehen hatten.

Er trug sich zu während des Schweigemarsches, mit dem westberliner und westdeutsche Studenten ihres erschossenen Kommilitonen Benno Ohnesorg gedachten, der am vergangenen Freitag in Hannover beerdigt wurde. Der Polizeipräsident von Hannover bedankte sich später telegraphisch, daß die Veranstaltung so diszipliniert verlaufen sei.

In der Tat: die angeblichen Randalierer, Gammler, Kommunisten und Neurotiker, als die eine falsch oder zumindest unzulänglich informierte Öffentlichkeit in Hannover, Berlin und anderswo die Studenten empfindet, beschämten durch eine Haltung, um die eben diese Öffentlichkeit sie eher beneiden sollte. Und das, obwohl sie Grund zu Panik und Hysterie hätten und obwohl ihnen anzumerken war, wie sehr sie sich beherrschten.

Ein Teil ihrer Unruhe machte sich Luft auf dem improvisierten Kongreß, der sich an den Schweigemarsch anschloß, veranstaltet vom Allgemeinen Studenten-Ausschuß der Freien Universität Berlin und der Technischen Hochschule Hannover. Der Verband Deutscher Studentenschaften war nicht unter den Veranstaltern, sein erster Vorsitzender, oberster Repräsentant der Studenten, schon wieder abgereist – weil sich VDS und AStA nicht darüber einig werden konnten, wie offiziell das Unternehmen sein solle. Der VDS hätte gern Vertreter der Kultusministerkonferenz und der Rektorenkonferenz dabei gehabt, die Studenten wollten nicht mit der Bürokratie, sondern mit denen diskutieren, die während der Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit zu ihnen gestanden hatten.

So war das Häuflein der anwesenden Professoren denn auch beschämend klein. Die Adresse, die Hartmut von Hentig an die Öffentlichkeit richtete, hätte jeder dieser akademischen Lehrer ebenso formulieren können.