Das Volk rief, und der Diktator blieb. Das Possenspiel, das Ägyptens Staatschef Gamal Abd el Nasser vor. den Kairoer Massen in Szene gesetzt hatte, zahlte sich aus: Was er in den knapp sechzig Standen der Schlacht mit den Israelis verloren hatte, Prestige, Charisma und Fortune, gewann er mit seiner Blitzkampagne in ein paar Stunden wieder. Der Neunundvierzigjährige, dessen Name soviel bedeutet wie „Schöner Knecht des Siegreichen“, ist der Heros von Hundert Millionen Arabern geblieben.

Zwei Eingeständnisse genügten dazu: sein Bekenntnis, daß er allein die Verantwortung für den „schweren Rückschlag“ auf sich nehme und daher seinen „Platz in den Reihen des Volkes wieder einnehmen“ wolle, um seine Pflicht als einfacher Bürger zu erfüllen; und dann, nach stundenlangen Demonstrationen, sein melodramatisch verkündeter Rücktrittsverzicht: „Die Stimme der Massen ist für mich ein Gebot, dem ich mich nicht zu entziehen vermag.“ Nie zuvor ist Ägyptens Präsident mit solch ungestümer Begeisterung gewählt worden. Nun erst recht ist er ein Volkskaiser. Die Straße war es, die ihn inthronisierte. Man hörte förmlich den Ruf: Ein Volk, eine arabische Nation, ein Führer...

Darin freilich hat sich der Rais schon oft als Meister erwiesen – Niederlagen in Erfolge umzumünzen und die Schuldigen, allen rhetorischen Selbstbezichtigungen zum Trotz, anderswo zu suchen. Im Jahre 1956, als ihn die Israelis zusammen mit den Engländern und Franzosen zum erstenmal in der Sinai-Wüste „mit Mann und Roß und Wagen“ schlugen, mußten seine Luftwaffenoffiziere vor Gericht für die Schlappe büßen. Noch Jahre danach verkauften die Postämter Suez-Briefmarken, die Nassers Sieg am Kanal verkündeten. Und 1961, nach dem schmachvollen Zusammenburch seiner Union mit Syrien, zog er vor allem seine politischen Berater und Geheimdienstchefs zur Rechenschaft. Er selber benutzte nach seiner mißlungenen Partie in Damaskus die Ausrede: Die Zeit für solche panarabischen Experimente sei noch nicht reif. Diesmal müssen wieder die Militärs die Verantwortung für das Desaster auf sich nehmen: Sieben hohe Offiziere wurden entlassen, andere – darunter Feldmarschall Amer – nahmen freiwillig ihren Abschied.

Nasser aber bleibt der siegreiche Verlierer. Wider alle Rückschläge und Resignation verkündete er: „Die Imperialisten glauben, daß Gamal Abd el Nasser ihr Feind sei. Ich möchte, daß sie sich im klaren darüber wären, daß die ganze arabische Nation ihr Feind ist und nicht Gamal Abd el Nasser allein. Die Feinde der nationalistischen Bewegung der Araber wollen glaubhaft machen, daß diese Bewegung das Werk Gamal Abd el Nassers sei. Dies ist nicht wahr; denn die Hoffnung auf eine arabische Einheit war vor Nasser da und wird auch nach seinem Verschwinden weiter bestehen.

Daran mag nun manches Richtige sein; dennoch steckt auch viel rednerische Pose in diesen Sätzen. Denn Nasser ist überzeugt, ohne ihn sei der großarabische Traum nichts als ein Wunschtraum. Sich allein hält er für den Garanten, diese Idee einer vereinigten Welt Arabiens Wirklichkeit werden zu lasen. Außer ihm ist ja auch keiner zur Stelle in dem weiten Raum zwischen Bagdad und Casablanca, der das staatsmännische Format, die Ausstrahlungskraft und die Willensstärke hätte, die soziale Revolution fortzusetzen, die er vor nunmehr dreizehn Jahren verkündet hat und in Ägypten auch praktizierte. Er war der erste große Revolutionär der arabischen Gegenwart und ist es bis heute geblieben.

Nasser ist der Sohn eines armen Postangestellten und hatte, als Junge am eigenen Leibe erfahren, was es bedeutet, nichts als ein Knecht zu sein – wie seit fünf Jahrtausenden die Fellachen. Er hat nie vergessen, wie armselig er aufwuchs; noch als Zwölfjähriger besaß er nichts außer einem Hemd; er war einer jener Millionen, die darbten, während die wenigen reichen Potentaten Geschäfte machten. So blieb auch die Schmach des ersten Palästinakrieges in seiner Erinnerung haften. Nasser war in diesem Krieg einer der Tapfersten und wurde nach einem siegreichen Gefecht mit dem Ehrentitel „Tiger von Fagula“ ausgezeichnet. Damals entdeckte er, daß die Handgranaten, die seinen Soldaten geliefert wurden mit Sand gefüllt waren; an den unbrauchbaren Waffen bereicherten sich zu Kairo die Kriegsgewinnler. Und damals wuchs sein Haß gegen das Ausbeuterregime der Paschas wie gegen die fremden Mächte.

Nach den demütigenden Erfahrungen jenes Krieges schrieb er in seiner „Philosophie der Revolution“, einem schmalen Buch: „Es wartet eine Rolle in der arabischen Welt, eine historische Rolle auf ihren Träger. Die Kothurne sind da, es muß sie nur ein wahrer Führer besteigen. Wenn er es nicht tut, wird ein anderer kommen. Der Ruf geht aus, die Araber aus Knechtschaft in Freiheit, Einheit und Fortschritt zu führen.“