L. W., Bremen

Weil Gärtner Timm nicht weichen will, gibt’s einen teuren Schlenker. Des 61 Jahre alten Bürgers Weigerung, sein Grundstück für den Gleisbau einer neuen Straßenbahnlinie herzugeben, wird künftigen Fahrgästen der Linie 1 ein völlig neues Fahrgefühl verschaffen: Dort, wo Timm wohnt und trutzig die Stellung hält, wird die Bahn eine Kurve um sein Haus machen.

Timm und Bremen, Bremen und Timm liegen sich seit zwei Jahren in den Haaren – verhandelnd, streitend, prozessierend. Für keine guten Worte und auch nicht für viel gutes Geld ist der Gärtner bereit, zu weichen. Er klagte und berief sich auf den Artikel 14 des Grundgesetzes. Seine Klage soll nun in Karlsruhe entschieden werden. Aber „bei der Überlastung des höchsten deutschen Gerichts müssen wir damit rechnen, daß die Entscheidung nicht vor 1969 fällt“, mutmaßt Senator Koschnick als Aufsichtsratvorsitzender der Straßenbahn. So lange wären dann zehntausend Einwohner im neuen stadtfernen Wohnbezirk Blockdiek ohne Zufahrtsstraße, ohne Straßenbahn. Ausgeschlossen sei das, erklärten die Stadtväter und entschieden: Es wird weitergebaut, mit dem Schlenker um Timm herum.

Schon bejubelten Bewunderer der Timmschen Stärke-Demonstration den Sieg des Einzelkämpfers über den mächtigen Staat und priesen den Wackeren als Vorbild – da ließ der Senator die Bremer wissen: Der Schlenker kostet 150 000 Mark, und falls die Straßenbahn nun dadurch in die roten Zahlen rutsche, müßten die Fahrpreise erhöht werden. Ein Ende war’s mit dem Jubel. Nun schimpfen sie: „Wenn der Timm der Straßenbahn einen Vorwand für Tariferhöhung geliefert hätte, dann wäre er ein ganz großer Buhmann.“