Unser Kritiker sah:

NAPOLEON ODER DIE HUNDERT TAGE

Drama von Christian Dietrich Grabbe

Ruhrfestspiele in Recklinghausen

Dies war kein Abend der Schauspieler, obwohl der Programmzettel fast hundert Namen, prominente und wenig bekannte, aufzählt.

Als der dreißigjährige Grabbe 1831 sein Zeitstück schrieb, war Napoleons endgültiger Sturz erst fünfzehn Jahre Vergangenheit, und während in Paris die Juli-Revolution ausbrach, bekannte Grabbe: „Ich schreibe das Stück für ein Theater, das es nicht gibt.“

Heute gibt es dieses Theater. Die Recklinghäuser Festspielinszenierung ist nicht der erste, aber seit Jahren der großartigste Versuch, Grabbes scheinbares Historiendrama, das geistig an die Seite von Georg Büchners „Danton“ gehört, auf der Bühne möglich zu machen. Die Inszenierung August Everdings basiert auf einer notwendigerweise radikalen Textbearbeitung von Alfred Erich Sistig. Mit den kleineren Mitteln, die Sistig als Intendant von Münster zur Verfügung stehen, hat er seine beachtliche Dramaturgenarbeit vor Jahren schon einmal selber inszeniert.