Von Manfred Sack

Als ich zur grünen Insel aufbrach, nahm ich einen Strauß von Elogen mit, die ihr gewidmet waren,und ein paar adjektivische Glasperlen: schön, herb, spröde, originell, faszinierend, unbeschreiblich, beneidenswert, paradiesisch, toll, sagenhaft. Und erst die Menschen!

Ich gebe zu, daß es mir anfangs nicht anders erging als den meisten anderen: Ich war benommen. Ich war auch ratlos. Warum, fragte ich mich, warum kolorieren alle Besucher das Image dieser Insel so naiv und gefühlvoll, daß darin zum Beispiel alle Untugenden, deren sie sich selber zu Hause so verhohlen schämen, zu beneidenswerten Feinheiten menschlicher Daseinskunst werden? Warum werden gar Intellektuelle unumwunden sentimental, wenn der Name Irland fällt? Ist Armut nicht Armut, arbeitslos nicht einfach arbeitslos, Dreck nicht Dreck?

Es gibt, vielleicht, eine Erklärung: Wir schlüpfen, sobald wir irischen Boden unter uns haben, ins Rollenkostüm des Bürgers, der aus dem Fond seines Autos rasselnden Straßenbahnen verzückt nachblickt, der, des Wildschweinbratens überdrüssig, in der Steckrübensuppe eine verschollene Delikatesse entdeckt, der zwischen Licht-Luft-Sonne-Wohnblocks auf öffentlichem Grün wandelt und von der traulichen Atmosphäre der "gemordeten Stadt" und ihren Hinterhöfen träumt – übersättigt und hungrig. Und wirklich, er findet in Irland, was er in unreflektierten Anwandlungen zu vermissen glaubt: Milieu.

Dazu gehören beispielsweise die irischen Zigeuner in ihren bunt bemalten Pferdewagen, pittoreske Tupfer von der irischen Palette. Der Fremde stoppt sein Auto; hin- und hergerissen zwischen dem Abscheu vor gewaltigen Mengen von Unrat, die am Feldweg deponiert sind, der Faszination durch die farbige Szenerie und dieser Demonstration gesellschaftlicher Unabhängigkeit, entscheidet er sich meist für das Eindrucksvollere: das Recht, frei zu sein, schließt auch die Freiheit ein, vor die Hunde zu gehen.

"Viele Kinder dieses Wandervolkes leben nicht mehr, wenn der Frühling kommt. Sie sterben im Winter in den Armen ihrer Mütter unter Decken aus Sackleinen und Zeltplanen, die von Geburt an ihr Zuhause sind. Diese Kinder sind überzählig in der Gesellschaft – wie die Vögel, die auf den breiten Straßen des modernen Irlands an den Windschutzscheiben rasender Autos zerfetzt werden." So klagte der Dubliner "Sunday Independent" und forderte dazu auf, dem "Dublin Intinerants’ Settlement Committee" Geld zu spenden. Von einigen Stellen Irlands werden schon Erfolge gemeldet: Wanderer mit ihren Wagen sind seßhaft (oder standhaft) gemacht, ihre Plätze mit sanitären Anlagen versehen, die Kinder in die Schule geschickt worden.

Wer da um das bunte alte Irland trauert, wird auch für das Wandervolk fürchten: sozialisierte Zigeuner sind nicht romantisch.