"Zauber des Lichtes" (Recklinghausen, Kunsthalle) 212 Bilder und Objekte aus über hundert Museen und Sammlungen sind unter dem banal-poetischen Titel zur Feier der 21. Ruhrfestspiele in Recklinghausen vereinigt, Werke der europäischen Spitzenklasse neben vergleichsweise belanglosen Dingen. Das ist in Recklinghausen ebenso der Brauch wie die Neigung, das gewählte Thema vieldeutig zu halten, es zunächst einmal wissenschaftlich anzufassen und dann rein assoziativ vorzugehen, Seitenwege einzuschlagen, um mit einem Salto mortale in der aktuellen Kunst zu landen.

Die Aktualität wird im obersten der drei Stockwerke durch eine internationale Kollektion zum Thema Licht und Bewegung in einer Form dokumentiert, die durch die Ausstellung in Eindhoven für solche Darbietungen verbindlich wurde. Die Künstler der Gruppe "Recherche d’Art Visual" sind dabei, die Zero-Leute, deutsche, schweizer, brasilianische Kinetiker, im verdunkelten Raum produzieren ihre Apparate phantastische Farblichtspiele, das Amüsanteste leistet der Lichtpionier und Luminodynamiker Nicolas Schöffer. Zauber des Lichtes, des künstlichen Lichtes, der Scheinwerfer, die das bewegte Objekt anstrahlen – was, fragt man sich, hat das Licht als reale Strahlung mit dem Bildlicht in der Malerei zu schaffen?

Die Ausstellung möchte die heutigen lichtkünstlerischen Bemühungen mit der Tradition der Lichtmalerei in Verbindung bringen. Der bekannte jugoslawische Kunsthistoriker Oto Bihalji-Merin beginnt seinen Traktat über "Zauber des Lichtes" im Katalog bei dem Offenbarungslicht in der mittelalterlichen Kunst. Aber das von ihm zitierte Licht, das im Johannis-Evangelium leuchtet, ist nicht das Licht, von dem Leonardo spricht, und Otto Pienes Licht ist nicht das Licht von Delaunay und Monet. Mit "Zauber des Lichtes" läßt sich keine thematische Brücke vom Impressionismus zu Zero schlagen.

Aber was tut’s, die moderne Kinetik ist gut repräsentiert und der historische Teil mit grandiosen Bildern belegt. Sisley, Pissarro, Monet, Renoir, Seurat (mit drei exquisiten kleinen Tafeln aus Privatbesitz), die Interieurs von Bonnard und Vuillard, mit farbigen Schatten und subtilen Übergängen zwischen Helligkeit und Dämmerung, sind Hohe Schule an Vermeer orientierter Lichtmalerei. James Ensor und Odilon Redon demonstrieren eine andere, spirituelle, nicht mehr die natürliche Funktion des Bildlichts. Auf die deutschen Expressionisten, auf Kirchner, Schmidt-Rottluff, Pechstein hätte man besser verzichtet. Bei ihnen bereits wird das bildimmanente Licht durch übersteigerte Farben außer Kurs gesetzt. Das wiederholt sich bei manchen Beispielen der abstrakten Malerei, bei Poliakoff etwa, den im Gegensatz zu Soulages ausschließlich Probleme der Farbe, nicht des Lichtes interessieren. Delaunay und Macke dagegen haben Entscheidendes zum Thema beigetragen. Vor allem aber sind die Surrealisten glänzend vertreten, die mit verschiedenen Lichtquellen, manchmal im gleichen Bild, operieren: helles Tageslicht und Straßenlaterne bei René Magritte, bengalische Lichteffekte bei Matta. Max Ernst, Dali, Chirico, Delvaux, Richard Oelze erweitern die überlieferte Lichtmalerei in phantastische Dimensionen. Es ist Thomas Grochowiak hoch anzurechnen, daß er dem Besucher Gelegenheit gibt, speziell den Zauber des surrealistischen Lichtes zu studieren. Die Ausstellung dauert bis zum 30. Juli.

  • "Wolf Vostell – Fritz Köthe" (Köln, Galerie Tobiés & Silex): Ältere DE-COLL/AGEN von Vostell, aus den Jahren 1954 bis 1961, als er noch keine Happenings inszenierte, sondern aus zerrissenen Plakaten, Zeitungen und Fotos Bilder herstellte. Die Papierfetzen signalisieren Zeitereignisse ("Ihr Kandida...", Wahlkampf in Amerika oder die Situation in Berlin rund ums Brandenburger Tor) und fügen sich, im Sinn der alten Collage, in ein System ästhetischer Turbulenz. Vostells Arbeiten auf der einen Wand, gegenüber die Bilder von Köthe – der Effekt ist verblüffend. Köthes Bilder sehen den Decollagen zum Verwechseln ähnlich, auf den ersten Blick, nur daß der Arbeitsprozeß umgekehrt verläuft. Zerfetzte Papiere und reale Gegenstandsfragmente werden nach bester trompe-d’oeil-Methode in Malerei zurückverwandelt. Ob "Linda", "Le Mans", "wella-med", die Bilder sind mit Details vom Schutthaufen zivilisatorischer Abfälle bis zum Bersten überfüllt, und sie sind mit perfidem Raffinement gemalt. Nicht nur den Jahren nach steht Köthe im Ruf des Altmeisters unter den deutschen Neurealisten. – Bis Anfang Juli.

Gottfried Sello