Das Experimenta-Theater in Frankfurt und die Realität

Von Hellmuth Karasek

Wenige Stunden vor Beginn der „Experimenta II“ in Frankfurt erfuhr man, daß in Berlin Benno Ohnesorg für Schah und Vaterland, für Sicherheit und Ruhe sein Leben hatte lassen müssen: Das säbelrasselnde Wort von der „Frontstadt“ hatte sich eine neue Bestätigung gegeben. Als die „Experimenta“ mit einem feierlichen Empfang im festlichen „Intercontinental“ zu Ende ging, tagte zur gleichen Stunde der Weltsicherheitsrat in New York, wurde an der syrischen Front noch geschossen; zur gleichen Zeit trat Nasser zurück und wieder vor. Und während Abend für Abend in den Frankfurter Kammerspielen und im Theater am Turm „experimentiert“ wurde, wirkten die Informationen von der Bühne herab schal und unwichtig gegenüber den Informationen, die man aus mitgebrachten Transistor-Radios und nach der Vorstellung den Nachtausgaben entnehmen konnte, erwiesen sich Bühnenproteste jeglicher Art als beiläufig, da – während in den Kammerspielen eine meckernd-leibhaftige Ziege zur Stimulierung des Publikums in die Zuschauerreihen losgelassen wurde – am Römer über zehntausend Studenten ihres erschossenen Kommilitonen gedachten.

Es ist nicht die Schuld der „Experimenta“, daß sie in diese Extremsituation zur Wirklichkeit geriet, aber die Konfrontation mit einer zugespitzten Wirklichkeit war insofern auch für das Theater bestürzend, als sich nur zu deutlich zeigte, was sonst über Feierabendgewohnheiten verborgen ist: Das Theater hat, so wie es sich auf der „Experimenta“ präsentierte, eigentlich das Echo der Zeit verloren, es wirft seine absurden und enthemmt-spielerischen Schatten nur auf sich selbst, zur Realität scheint es nur in Podiumsdiskussionen über sich selbst zurückzufinden.

Zeigt die Wirklichkeit wieder einmal vorübergehend besonders deutlich ihre Zähne, dann fällt nur schärfer als sonst auf, wie wenig unser spielendes Lieblingsinstrument zur Therapie oder auch nur zur Diagnostik taugt. Das Theater, wie es sich auf der „Experimenta“ präsentierte, scheint dies gemerkt zu haben – aber es reagiert auf die Tatsache, daß es das Ohr seiner Umwelt verloren hat, mit schriller Schrecknis, es richtet Wasserpistolen ins Parkett, gibt weibliche Brüste den Zuschauerblicken frei, läßt die Wasserspülung eines auf die Bühne montierten WC dauernd rauschen und, wie gesagt, eine meckernde Ziege auf das sinkende Zuschauerinteresse los.

Theater der leeren Hände

Es kapselt sich verlegen-wortkarg ab, wie Michelsen in seiner neuuraufgeführten „Frau L“, setzt sich mit Agitprop-Roheit von dem Medium ab, das es gebraucht, wie Peter Weiss im „Gesang vom Lusitanischen Popanz“; es überschreit die Leere, in der es stattfindet, wie die französische Truppe des Grand Théâtre Panique es tat, als sie Arrabals „Labyrinth“ aufführte; es gebärdet sich als überschäumende Jugendlichkeit, als gelte es der Twen- und Teenager-Industrie Werbehilfen eines Lebensgefühls zu leisten: So mindestens wirkte die Aufführung von Ann Jellicoes „Meine Mutter Macht Mist Mit Mir“, die das Theater am Turm zur „Experimenta“ beisteuerte.