Nicht zufällig diente Albrecht Dürer (zusammen mit und im Kontrast zu Rembrandt) Wilhelm Pinder als Paradebeispiel bei seiner grundsätzlichen Einteilung der Kunst in „das Lineare und das Malerische“. Man braucht kaum faktische Belege zu zitieren, das rein zahlenmäßige, ungeheure Übergewicht seiner graphischen und zeichnerischen gegenüber seinen malerischen Arbeiten, um zu sagen, daß die „Melancholie“, die „Apokalypse“ und „Ritter, Tod und Teufel“ intensivere und weitreichendere Folgen gehabt haben als die „Vier Apostel“.

Die Eigenart seines singulären Talentes und die Gegebenheiten seiner Zeit bewirkten, daß Dürer der Kupferstecher und Holzschneider schon zu seinen Lebzeiten ein berühmter Mann war und seine Werke von Sammlern als Rarität gehandelt wurden. Dürer war durch seine Graphiken in ganz Europa bekannt, er selber nahm seine Blätter mit auf seine weiten Reisen, verteilte sie als Geschenke, tauschte und verkaufte sie. Er wurde, so spielen Ruhm und Ärger ineinander, kopiert, nachgeahmt oder nachgedruckt, offen und geheim, sein Buch von der „Unterweisung der Messung mit Zirkel und Richtscheit“ beschließt er mit der Warnung, daß „sich yemand understeen wurd mir daß außgegangen buechlein wider nach zou drucken“.

Das „buechlein“, ein Werk von geschichtlicher Bedeutung und einer der schönsten Drucke dieser Zeit dazu, wurde glücklicherweise doch wieder und bis heute nachgedruckt: vor kurzem erschien eine Faksimileausgabe nach der Urausgabe von 1525 (Druckvariante Ia nach Bohatta, herausgegeben von Alvin Jaeggli und mit einer Einführung von Christine Papesch; Verlag Josef Stocker-Schmid, Dietikon–Zürich; 975 numerierte Exemplare, Ausgabe A (lose Bogen) 480,– sFr., Ganzld. 780,– sFr., Ausgabe B 168,– sFr.)

Die „Unterweisung“ ist die erste der drei großen theoretischen Schriften, in denen Dürer als Lehrmeister hervortritt und gleichzeitig die Summe seiner Erfahrungen und Überlegungen zieht. 1527 erschien „Etliche Underricht zur Befestigung der Stett, Schloß und Flecken“, ein Stück Kriegswissenschaft, das die Bauernkriege notwendig gemacht hatten, 1528, wenige Monate nach Dürers Tod, die „Vier Bücher von der menschlichen Proportion“.

Dürer, ein Bewunderer des Erasmus und Freund der Nürnberger Humanisten Melanchthon und Pirckheimer, war zutiefst überzeugt von der dem Wohl der Menschheit verpflichteten Aufgabe der Kunst einerseits und ihrer Erlernbarkeit andererseits. „Die weyl aber“, so schreibt er im Vorwort zu dem Buch, „die kunst der recht grundt ist aller mellerey hab ich mir fürgenommen allen künstbegyrigen jungen eyn anfang zu stellen und ursach zugeben, damit sie sich der messunge zirckels und richtscheyt underwinden und darauß die rechten warheyt erkennen...“ Exakte Perspektiven und Proportionen bedeuteten für Dürer mehr als Beherrschung des Handwerks. Sie waren Abbild höherer Normen und Harmonien, ein menschlicher Versuch der Annäherung an die Wahrheit.

Angefangen beim Punkt, über die Linie, die Kurve, Fläche bis hin zum Körper gibt die „Unterweisung“ einen streng gegliederten Überblick über die geometrischen Grundelemente, mit deren Hilfe sich dann perspektivisches Sehen in exakten Proportionen auf dem Malgrund niederschlagen kann. Ein mittlerer Teil des Buches bringt wiederum geometrisch aufgelöste Konstruktionen der Antiqua Majuskel, in einem letzten Teil werden mechanische Apparate zur Herstellung der Perspektive beschrieben und ihre Anwendung erklärt.

Dürers „Unterweisung“ ist nicht aus dem Nichts entstanden: Die italienischen Theoretiker waren ihm bekannt, er hatte engen Kontakt zu den hervorragenden Instrumentenmachern seiner Heimatstadt Nürnberg, und noch auf seiner letzten Italienreise schreibt er an Willibald Pirckheimer, daß er noch ein paar zusätzliche Tage nach Bologna reiten werde, „um der Kunst in geheimer Perspektive willen die mich einer lehren will“. Im deutschsprachigen Raum jedoch hatte dieses großangelegte pädagogisch-theoretische Werk weder Vorläufer noch Parallelen oder Nachfolger.

Petra Kipphoff