Von Klaus von Bismarck

Zu keinem anderen Volk Europas ist unser Verhältnis so vielschichtig, so doppelbödig, so gefährdet wie zum polnischen Volk. Es spiegelt sich darin die Geschichte einer jahrhundertealten Nachbarschaft von großer Intensität und starker wechselseitiger Beeinflussung. In dieser Beziehung hat es viele positive und negative Akzente gegeben; betrachtet man allerdings die Entwicklung der letzten beiden Jahrhunderte seit dem 18. Jahrhundert, so besteht gar kein Zweifel, daß Polen das Opfer einer rigorosen Machtpolitik seiner mächtigen Nachbarn im Westen, Südwesten und Osten geworden ist, und daß es sich dabei – hier interessiert in erster Linie das deutsch-polnische Verhältnis – die Akzente eindeutig zuungunsten der polnischen Seite verschoben haben.

Als schaurige Endphase dieser verhängnisvollen Entwicklung kam dann Hitlers Ausrottungspolitik, von der das polnische unter allen Völkern am härtesten betroffen worden ist. Seither ist die Beziehung unserer beiden Völker – wie könnte es anders sein – psychologisch schwer belastet und verklemmt. Es scheint, daß keine Unbefangenheit mehr aufkommen kann, solange die Generation lebt, die Augenzeugen des Geschehens gewesen ist.

Wenn es je die vielzitierte deutsch-polnische Symbiose gegeben hat, dann stellt sich für uns heute die Frage, ob sich aus der gemeinsamen Tradition heraus neue Anknüpfungspunkte finden lassen. Für die Polen ist die ferne Vergangenheit durch die nähere nahezu verschüttet. Ihre Reaktion den Deutschen gegenüber ist wohl ziemlich einheitlich: die deutsche Fähigkeit, sich aus der Niederlage von 1945 wieder emporzuarbeiten, wird bestaunt und bewundert. Aber diese Bewunderung ist ohne Sympathie und durchsetzt mit Furcht und Mißtrauen, Furcht, die Deutschen könnten eines Tages doch darauf aus sein, die polnisch besetzten ehemaligen deutschen Ostgebiete wieder zu besetzen, trotz aller gegenteiliger Beteuerungen zu friedlichen Lösungen.

Da die Polen – Kommunisten und Nicht-Kommunisten – sich völlig einig sind in der Überzeugung, daß die Besiedelung dieser Gebiete mit Polen nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und darf, und daß sie sie freiwillig niemals hergeben werden, empfinden fast alle Polen die Ansprüche der Vertriebenenverbände, die ein „Recht auf Heimat“ proklamieren und von daher eine Revision der Oder-Neiße-Grenze fordern, als bedrohlich. Es ist ihnen unverständlich, wie diese Forderung mit dem ausgesprochenen Gewaltverzicht vereinbar ist.

Der zweite Faktor, der das Mißtrauen lebendig hält, ist die mehr oder minder eingestandene Angst, die Deutschen könnten sich eines Tages über den Kopf der Polen hinweg mit den Russen verständigen, und der Leidtragende solcher Verständigung könnte wiederum das kleinere Volk in der Mitte sein. Dieses Trauma sitzt tief und hat seine Wurzeln in der leidvollen Geschichte jahrhundertelanger Zerstückelung durch außerpolnische Mächte.

Umgekehrt ist das Verhältnis der Deutschen zu den Polen weniger eindeutig zu umreißen. Es gibt bei uns noch eine Generation, die sich – ein Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert – eine übersteigerte Polen-Schwärmerei bewahrt hat, für die „der stolze Pole“ und „die schöne Polin“ noch lebendige Begriffe sind, in deren Vorstellung das alte Warschau noch als das „Paris des Ostens“ eingeordnet ist, einer Welt voller Esprit und Chic und jener nonchalanten Lebensart, die uns Deutschen immer so imponiert, weil wir dafür selber so geringe Begabung haben.